Wider dem Deutschlandwahn

Dass vielleicht nicht alle die WM und speziell den deutschnationalen Taumel toll finden entdecken nun auch einige Zeitungen für sich.
Als Beispiel darf das Schanzenviertel, Lieblingsobjekt der links-alternativen Presse, in Hamburg.

So berichtet die Taz am heutigen Dienstag unter dem Titel „Deutschland an der Wand“ über die antinationalen Umtriebe im Viertel.
Besonders bedacht wird dabei das Gerüst am Schulterblatt Nr. 80 an welchem eine riesige BRD-Fahne von der Gerüstbaufirma Peters aufgehangen wurde.
Schon dem Hamburger Abendblatt fiel die Umgestaltung dieser am Samstag (24. Juni 2006) auf und titelte „Patriotischer Wettstreit auf der Schanze“. Das Abendblatt stellte fest, dass die Plane „eines der größten Deutschland-Symbole bezeichnet werden, die während der WM im Lande flattern“ und man erfährt, dass die Firma rk-Planen auch den Elbtunnel in das „endlich nicht mehr peinliche“ Schwarz-Rot-Gold hüllte, der Chef selbiger Björn Zachert äußerte dazu „Wir fanden es einfach eine nette Idee, jetzt zur WM.“. Jedoch wurde diese „nette Idee“ netter Weise verändert, und so zierte der Spruch „Patrioten sind Idioten“ die Plane.


Herr Zachert lies selbigen entfernen und hoffte nun mit seinen patriotischen KollegenInnen, dass die fahne länger „unbefleckt“ bleibe.

Dem war jedoch nicht so, denn am Sonntag (25.6.06) war die Plane/Fahne schon wieder verändert worden.

Plötzlich war aus dem neuen Lieblingsobjekt aller Patrioten und Nationalisten, welche sich selbstverständlich auch in der Schanze zu hauf tummelten und das immer als so alternativ und antinational dargstellte Schanzenviertel schien als Karikatur der Szene-Guides und sonstigen Trendfinder, eine anarchosyndikalitische schwarz/rote Fahne geworden.
Dies führte wohl zu dem Artikel am heutigen Dienstag in der Taz in welchem ein Herr Frank Pape, Chef der Firma Gerüstbau-Firma, sich äußerte und pikiert feststellte „150 bis 200 Euro kostet das jedes Mal“ und „“Ich verstehe das nicht, ich gehe ja auch nicht hin und schmiere was an die Wände“, auch wenn ihm einiges nicht gefalle, in diesem Viertel da.“
Leider äußert sich Herr Pape nicht weiter dazu, was ihm „nicht gefalle“…
Auch Nationalismusgegner dürfen in der Taz zu Wort kommen und Buchhändler Thomas Schultze „hofft […] auf ein baldiges Ausscheiden des deutschen Teams“ und in der Kneipe Fritz Bauch dürfen Gäste“ „Winkehände, Zylinder, Flaggen und sonstigen Firlefanz“ zur Aufbewahrung oder Entsorgung dem Tresenpersonal zu übergeben“ und es gibt dort auch schicke Bierdeckeln auf denen steht „Patrioten sind Idioten“.

Schlussendlich wird man von SpiegelOnline mit einem Bericht beglückt. Für ihren Artikel „Wider den nationalen Taumel“ begaben sich die drei „wagemutigen“ Reporter Anna Bilger, Lars Langenau und Christopher Stolzenberg wohl direkt ins Szeneviertel.
So beobachten sie im „multikulturellen Stadtviertel“, dass „die Plätze vor den Restaurants, Kneipen und Bars bis auf den letzten Platz belegt sind“ und sich die vermeitlich multikulturellen Patrioten im „Siegesrausch“ waren.
Doch dann passiert es

Dann erklimmt eine Gruppe von Vermummten das Dach des autonomen Veranstaltungszentrums Rote Flora, und stellt die Boxen an. Deutscher und britischer Punkrock dröhnt über die Straße – und immer wieder der Gassenhauer der autonomen Szene „Deutschland muss sterben“. Weder das eigene Wort, geschweige denn die Kommentare zum Spiel sind noch zu verstehen. Dann fliegen Wasserbomben vom Dach auf vorbeifahrende Cabriolets.

Die Reporter stellen fest, dass die „kleine radikale Minderheit auf der Roten Flora redlich darum bemüht ist , den nationalen Freudentaumel zu stoppen“ und dass es nie „leichter war Landesverrat zu begehen.“, doch auch sie erkennen, dass „selbst“ im „multikulturellen Stadtviertel“ die Gäste […] sich ihre Freude nicht verderben“ lassen und „Misstöne beim „schwarz-rot-geilen“ („Bild“) Freudenfest“ seien „unangebracht“.
Dann fangen die Reporter noch irgendwo wilde Gerüchte auf und behaupten, dass „in der Hamburger Roten Flora werden dem Vernehmen nach seit geraumer Zeit Auto-Wimpel gesammelt – im Tausch gegen ein Fähnchen soll es einen Euro geben.“.
Interessant was man so hört, sei die Frage gestellt ob Antinationale sich überhaupt für die Entwertung von schwarz-rot-gold Schrott bezahlen lassen (wollen), aber anscheind spekuliert man hier lieber, als Tatsachen zu berichten.

Dann wird noch ein Interview mit Julia Bonk, ihres Zeichens nach 20-jährige Linkspartei-Abgeordnete im sächsischen Landtag, abgedruckt, in welchem diese richtig erkennt „Die deutsche Fahne ist niemals nur ein Fußball-Wimpel“ und dass es ihr darum gehe „sich gegen den herrschenden Mainstream zu stellen, gegen ein unreflektiertes Verhältnis zur Nation“ (wie das Verhältnis zur Nation sein soll wird nicht näher ausgeführt, aber es erübrigt sich auch jegliche Erklärung bei einer Partei, deren Mitglieder auch mal zur NPD wechseln…), natürlich wird gleich Werbung für die eigene Partei und ihre BRD-Fahne gegen T-Shirt Aktion geworben.
Und dies wird auch noch gleich deutlich, denn die Politikerin wird von ihrer eigenen Fraktion nicht unterstützt und der sächsische PDS-Fraktionschef Peter Porsch erklärte, dass Frau Bonk nicht für die gesamte Partei spreche, außerdem habe er die junge Abgeordnete „wegen der Aktion so laut angebrüllt haben, dass es noch einige Büros weiter zu hören war“ und in einer Mitteilung „erklärte er, die von der jungen Abgeordneten ausgegebene Losung zeuge von „weltfremder Arroganz“.

Aber nicht nur bei der Linkspartei ist man sich über das eigene Verhältnis zur Nation „nicht so sicher“, die GEW Hessen hatte gemeinsam mit dem Bundesvorsitzenden Ulrich Thöne die Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied“ von 1989 neu veröffentlicht, zog diese jedoch nach „heftiger interner und öffentlicher Kritik“ zurück, Thöne gestand „Fehler ein und entschuldigte sich für die Aktion“, denn man „wolle nicht „den Fans die Fußball-WM vermiesen“.

In der Broschüre von 1989 fordert der Frankfurter Wissenschaftler Benjamin Ortmeyer das Deutschlandlied als Nationalhymne abzuschaffen. Er beschäftigt sich vor allem mit der Interpretation des Liedes während der Nazi-Zeit. Damals habe auch die dritte Strophe, die heute als Hymne gesungen wird, der nationalsozialistischen Ideologie gedient. Für Opfer der NS-Diktatur sei das Lied nicht zumutbar, folgert Ortmeyer damals.

Seine Aussagen seien auch 17 Jahre später noch gültig, sagte der Wissenschaftler jetzt zu SPIEGEL ONLINE. Der neue Patriotismus stimme ihn keineswegs „freudig“. Es sei wichtig, gerade in der Schule auf Kontroversen in der Geschichte hinzuweisen. Zum Beispiel darauf, dass der Verfasser des Deutschlandliedes, Hofmann von Fallersleben, kein Demokrat, sondern Antisemit gewesen sei.

Die Junge Linke Sachsen haben die Broschüre trotzdem bestellt und Bonk stellt fest, dass der Rückzieher der GEW zeigen würde „dass es bereits ein nationales Einheitsgefühl gibt, gegen das man sich nicht mehr stellen kann“ und stellt richtig fest, dass es nicht darum geht „den Menschen den Fußballspaß zu verderben“.

Die Vorfälle zeigen eindrucksvoll wohin es gehen soll, die Linksparteifraktion steht anscheind lieber zu Deutschland und empfindet nicht vorhandenen Nationalismus als „weltfremde Arroganz“ und die GEW steht auch lieber zum nationalen Kollektiv, anstatt sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Teile der sogenannten Linke sollten sich vielleicht mal den Artikel „Im Zweifel fürs Vaterland – Wie deutsch ist eigentlich die Linkspartei? “ von Marcel Frost aus der Phase2 durchlesen und den aktuellen „Fall“ WM und Nationalismus sich genauer vor die Augen führen.


1 Antwort auf “Wider dem Deutschlandwahn”


  1. 1 ‘Here we go again’ oder ‘es ist Fußball’ « riot propaganda Pingback am 11. Juni 2008 um 17:04 Uhr
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