Wolfgang Benz und die deutsche Wissenschaft

Wie es um die akademische Antisemitismusforschung in Deutschland steht beweist aktuell Wolfgang Benz in sehr weitem Maß.

Schon bei der Sommeruniversität des Zentrums für Antisemitismusforschung schon im Spätsommer hatte Benz bewiesen, in weit er es mit Kritik wirklich hält und sein Umgang mit Nazis illustriert, dass er im deutschen Mainstream der vermeitlichen Toleranz angekommen ist.

Auch ein Beispiel für die klassische anti-antisemitische Arbeit im Feld wurde den »Multiplikatoren aus der Praxis« frei Haus geboten: Zu Gast im Hörsaal war Stefan Lux, langjähriges Mitglied der NPD. Da er ordnungsgemäß angemeldet war, sahen die Veranstalter keinen Grund, ihn des Saales zu verweisen. Jegliche Diskussion über die Anwesenheit eines Rechtsextremisten auf einer Ver anstaltung gegen Antisemitismus wurde unterbunden. Im Laufe der in den drei Tagen immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen konnte man beobachten, wie die Dinge verdreht wurden. Antifas wurden von einigen Anwesenden in aggressiver Weise aufgefordert, den Mann von der NPD nicht weiter zu »stigmatisieren«, man kam zu dem Schluss, er sei zwar Antisemit, aber das sei »eben seine Meinung«. Wolfgang Benz solidarisierte sich in einem kleinen Showdown am Ende der Veranstaltung mit dem demokratischen Mob, indem er die Antifaschisten als »aufgebrachte Vorkämpfer politischer Moral« diffamierte.

(Quelle: Jungle World „Antisemitismus ist keine Meinung.“ Nummer 38 vom 20. September 2007)

So führt er seine eingeschlagene Richtung in die Mitte der deutschen Gesellschaft nun weiter fort. Dies konnte man nun in der aktuellen JungleWorld lesen, wo der Herr Proffesor in zwei Artikeln auftauchte.
Zum einen äußerte er sich in Bezug auf das „Dokumentationszentrum zur Vertreibung“ der Bundesregierung:

Zusammengenommen führen diese Ansätze zu einem paradoxen Ergebnis: Der Versuch, eine Relativierung der NS-Verbrechen zu vermeiden, indem auch die Vertreibung anderer mit einbezogen wird, endet in der Gleichsetzung der Vertrei­bung in Folge des deutschen Vernichtungskriegs mit der Vertreibung durch die Vernichtungskrieger – und damit eben doch wieder in einer Rela­tivierung.

Trotz aller Bemühungen könnte das Dokumen­tationszentrum also für Streit mit den Nachbarn sorgen, spätestens dann, wenn die Ausstellungskonzepte veröffentlicht und diskutiert werden. Ge­genwärtig sorgt bereits die Frage für Aufregung, welche Rolle der BdV in dem Projekt eigentlich spielen soll. So begrüßte der Historiker Wolfgang Benz in der taz zwar grundsätzlich das Konzept, schränkte seinen Optimismus jedoch ein: »Es muss sichergestellt werden, dass die Einrichtung nicht unter den Einfluss des Bundes der Vertriebenen gerät.«

Entsprechende Befürchtungen wollte Wolfgang Thierse wohl aus dem Weg räumen, indem er feststellte: »An dem Projekt, das die Bundesregierung verwirklicht, ist der Bund der Vertriebenen nicht beteiligt.« Die Präsidentin des BdV, Erika Stein­bach, sagte dagegen im Deutschlandfunk, »dass in dieses sichtbare Zeichen zur Dokumentation der Vertreibung der Bund der Vertriebenen und auch das Zentrum gegen Vertreibung selbstverständlich eingebunden sind«. Im Klartext heißt das: Der BdV will beim Dokumen­tationszentrum der Bundesregierung ein entschei­dendes Wörtchen mitzureden haben. Von seinem eigenen »Zentrum gegen Vertreibung« lässt sich der BdV dagegen noch lange nicht abbringen.

(Quelle: JungleWorld „Alle Menschen werden Vertriebene“ Nummer 45 vom 08. November 2007)

So bekämpft er die vermeitlich zu Extremen, den Bund der Vertriebenen, aber findet ansonsten keinen Anstoß an einem derartigen Konzept, welches die Auseinandersetzung mit der Shoa mit den deutschen Vertriebenen im warsten Sinne des Wortes gleichsetzt. Seine demokratische Pflicht scheint er damit getan zu haben.
Außerdem äußerte er sich dem Sender Deutschlandradio gegenüber zu dem Artikel »Massaker von Rechnitz« des britischen Journalisten David R.L. Litchfield in der FAZ:

Noch am Tag der FAZ-Publikation sprach der Sender Deutschlandradio mit dem Berliner Historiker Wolfgang Benz. Auf die Frage, ob ein Fall, wie ihn David Litchfield geschildert hat, in den historischen Forschungen bekannt ist, sagt Benz: »Dieser Fall ist nicht bekannt, und es gibt auch keine oder kaum vergleichbare Fälle, dass jetzt eine Partybelustigung von Prominenten dazu gedient hat, Judenmord zu begehen. Weiter stimmt mich skeptisch der sehr, sehr späte Zeitpunkt. Am 24. März 1945 hatten auch die ganz unentwegten Fanatiker eigentlich anderes im Sinn, nämlich ihre Haut zu retten … aber gegen diese Form des Massakers spricht schon sehr die Vermutung, dass es zu spät war.«

Erstaunliche Aussagen eines Historikers, der wichtige Arbeiten zum Nationalsozialismus geliefert hat. Eine Rolle dürfte dabei die Kränkung darüber gespielt haben, dass die FAZ einen Text eines in Deutschland unbekannten Jour­nalisten publiziert hat.

Auch sollte es jemand wie Benz eigentlich besser wissen, da

Dieser Sachverhalt ist 1948 eindeutig durch Zeugenaussagen bei einem Prozess in Wien belegt worden.[…]
In Österreich – wo diese Täter, wenn überhaupt, milde bestraft wurden – ist das Schweigen gebrochen, und seit Jahren wird auch in Rechnitz über dieses Verbrechen gesprochen und jährlich wird seiner gedacht.

(beide letzten Zitate: JungleWorld „Totschweigen“ Nummer 45 vom 08. November 2007)

Dies zeigt, dass seine Aussage kaum aus Unwissenheit (derartige historische Fakten sollten einem Historiker bekannt sein) entstanden ist, sie zeigt viel mehr in was für einem politischen Kontext sich Benz inzwischen bewegt und als Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung inzwischen anscheind seinen Auftrag dadrin sieht, der deutschen Geschichtsschreibung zu zuarbeiten.
Vielleicht findet sich ja bald ein zusätzlicher Job für Herrn Benz, als Mitarbeiter der „Vertriebenendokumentation“ um darüber zu hüten, dass nichts den deutschen demokratischen Rahmen übertritt.

Die Hamburger Studienbibliothek schrieb zur akademischen Antisemitismusforschung in ihrem Flugblatt „Vom Elend der akademischen Antisemitismusforschung“:

Was solche Sätze, vor jedem spezifischen Inhalt, ver­mitteln, ist dies: Um Antisemitismus zu erkennen und zu begreifen, braucht es nicht in erster Linie Vernunft, Mo­ral, Erfahrungsfähigkeit, nicht die Bereitschaft zu unre­glementiertem Denken also, sondern vor allem ein abge­schlossenes Soziologiestudium. Zur Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypien befähigt ist, mit anderen Worten, längst nicht jeder; umso besser daher, wenn es der Experte für einen tut. Was demgegenüber die Schrif­ten von Adorno und Horkheimer, von Arendt, Sartre oder Eike Geisel so schwer zu lesen macht, ist ja nicht deren Verquastheit, sondern, ganz im Gegenteil, deren Präzisi­on. Sie konfrontieren den Leser unnachgiebig damit, was es heißt, in einer falschen Gesellschaft zu leben – und welchen Beitrag er, ob er will oder nicht, zu deren Perpe­tuierung leistet. Dass es beim Antisemitismus immer um alles geht, das Ganze der Barbarei: Das eben ist die Wahrheit, welche die Einhegung als Spezialdisziplin zum Verschwinden bringt.

Genau dazu hält sich der Staat die Antisemitismusfor­schung, alles andere wäre auch schön dumm von ihm. Sie soll das gute Gefühl verbreiten, dass das Rechte schon ge­tan wird (ein Gefühl, auf das die rot-grüne Bagage, wel­che sie besonders gefördert hat, besonders angewiesen ist, moralisch bankrott, wie sie ansonsten ist); und sie soll da­bei zugleich gewährleisten, dass weitergehende Konse­quenzen nicht zu befürchten stehen. Das Leben nach Auschwitz, das weitergeht, als wäre nichts geschehen, hat die Abhärtung gegen das Leid der Opfer, den latenten oder manifesten Antisemitismus zum allgemeinen gesell­schaftlichen Schicksal gestempelt; die akademische Ar­beitsteilung jedoch verdinglicht diesen zur bloßen, iso­lierten »Fallstruktur«.


3 Antworten auf “Wolfgang Benz und die deutsche Wissenschaft”


  1. 1 nokrauts 09. November 2007 um 15:41 Uhr

    wo bleiben nur die kritischen wissenschaftler…menschmenschmensch…
    wunderbar recherchert :D

  2. 2 air_force 16. November 2007 um 3:27 Uhr

    ich werd jetzt mal das 2006 erschienen buch „Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert“ von benz lesen und mir dann ein erstes urteil bilden.
    bin schon recht gespannt auf den darin enthaltenen text „die vertreibung der deutschen nach dem zweiten weltkrieg“. gibts so in der fassung von ihm auch nur in dieser ausgabe. bin wirklich gespannt was er da schreibt.

  1. 1 Horst-Eberhard Richter, … « Raumzeit Pingback am 09. November 2007 um 20:17 Uhr
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