Vergewaltigungsdebatte Hamburg reloaded

Nach dem Papier „Zum aktuellen Umgang mit einem Vergewaltiger“ des Utnerstützer_innen Kreises der betroffenen Frau, gibt es nun neues Papier, als Reaktion auf die kursierenden Texte aus dem Umfeld des Vergewaltiger, welche die Definitionsmacht der Frau massiv angreifen. Veröffentlicht in der Zeck Nr. 141 November/Dezember.

Antifeministischer Rollback
in linken und subkulturellen Zusammenhängen

Seit Mai 2007 kursieren innerhalb Iinksra-dikaler und subkultureller Zusammenhänge Hamburgs zwei Texte, die eine Reaktion auf einen öffentlich gemachten Vergewaltigungsvorwurf (siehe Zeck Nr. 139) darstellen. Es handelt sich um eine einseitige Stellungnahme vom „Fischkopp-Plattenshop“ und ein vierseitiges Statement von „Freundinnen, Freunden und Bekannten des Mannes, dem vorgeworfen wird, ein Vergewaltiger zu sein.“ Besonders der letzt genannte Text soil im Folgenden Gegenstand der Auseinandersetzung sein, da er exemplarisch einige immer wiederkehrende Argumente beinhaltet, die gegen pro-feministische und antisexistische Grundlagen aufgeführt werden. Dies bedeutet nicht, dass der Text vom Fischkopp außen vor gelassen wird, da er sich explizit positiv auf die Aussagen der „Freundinnen, Freunden und Bekannten des Mannes, dem vorgeworfen wird, ein Vergewaltiger zu sein“ bezieht. Hier stellt sich zunachst die Frage, ob und wie mit solchen Statements umgegangen werden soll/kann, da die Texte zwar vorgeben, an einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung interessiert zu sein,jedoch immer wieder in eine verhöhnende und giftige Polemik verfallen. Diese Texte haben offensichtlich das Anliegen, die Glaubwür-digkeit der betroffenen Frau zu untergraben und diese so öffentlich quasi zum Abschuss freizugeben. Neben dieser offensichtlich absolut unakzeptablen Ebene der Auseinandersetzung stellen diese Texte jedoch auch den Versuch dar, antifeministische Positionen zu verbreiten und als legitime Positionen zu etablieren.

Rollback
Besonders der Text der „Freundinnen…“ transportiert Ober weite Strecken einen Umgang mit sexualisierter Gewalt, wie er auch für die Mehrheitsgesellschaft typisch ist. In der Regel bedeutet dies, dass alltägli-che Gewalt gegen Frauen bagatellisiert und lediglich in Extremfällen voyeuristisch ausgeschlachtet und skandalisiert wird. Natür-lich ist es nichts neues, dass solche Versatzstake aus bürgerlichen Ideologien und Meinungsbildern immer auch in den Köp-fen von Iinken Szeneaktivist_innen präsent sind und damit eben auch Teil einer Auseinandersetzung sind, die notwendiger Weise Ober sexualisierte Gewaltverhältnisse geftührt werden müssen. Allerdings hat es schon eine besondere Qualität, dass nun antifeministische und frauenfeindliche Positionen so offen in die Szene getragen werden, wie mit den beiden oben genannten Texten geschehen. Letztendlich macht sich auch hier ein gesellschaftlicher Rollback fest, der nicht nur erhebliche politische Substanzverluste in der Linken dokumentiert, sondern auch in erschreckender Weise die ganz praktischen Konsequenzen daraus offenbart. Dies kann nur bedeuten, sich verstärkt dieser Auseinandersetzung stellen zu müssen, so ätzend das in einigen Fallen auch sein mag.
Das gilt gerade auch für die erwähnten Statements, die sich zwar auf einen vermeintlichen Einzelfall beziehen, aber dabei nahezu die gesamte Palette antifeministischer Standardparolen auffahren. Eigentlich altbackene Klassiker, die schon immer gegen die Frauenbewegung ins Feld geführt wurden, aber im Zuge des allgemeinen neokonservativen Rollbacks nun eine immer stärkere Renaissance in der öffentlichen Meinung erfahren. So ganz scheinen die letzten 30 Jahre dann allerdings doch nicht an den Verfasser_innen der Statements vorbeigezogen zu sein, was das Abarbeiten an dem Begriff der Definitionsmacht veranschaulicht. Rhetorisch werden dabei dann erstmal die ganz alten Hüte hervorgekramt, denn natürlich wird auch hier vorgegeben, dass die Verfasser_innen eigentlich ein echtes politisches Interesse an der Definitionsmacht haben und dementsprechend den ihrer Meinung nach inflationären Umgang mit dem Begriff der Vergewaltigung beklagen. Beide Texte beziehen sich positiv auf den Tater, wahrend der Vorwurf der Vergewaltigung als falsch abgetan wird. über diese (wenig überraschende) Ebene hinaus Iiefert besonders der vierseitige Text der „Freunde“ des Vergewaltigers ein Beispiel dafür, wie innerhalb von Vergewaltigungs-Diskussionen feministische und antisexistische Standards nicht nur in Frage gestellt werden, sondern aktiv bekämpft werden. Da dies anhand des Vorwurfs des „inflationären Gebrauchs“ und der „Verramschung“ des Begriffs der Vergewaltigung im Besonderen erfolgt, wird geschickterweise derVorwurf, die Definitionsmacht nicht anzuerkennen, versucht zu umgehen.

Definitionsmacht ja, aber…
Um zu verdeutlichen was für sie als „echte Vergewaltigung“ gelten darf, wird detailreich ein Horrorszenario beschrieben. dem eine chilenische Frau immer wieder von mehreren Männern auf brutalste Weise vergewaltigt wird. Es ist so billig wie blöd, aber dieses Beispiel wird anschließend ins Feld geführt, um anderen Frauen ihre Definition von erlebter Gewalt abzusprechen, wenn diese dem geschilderten Horrorszenario nicht gleicht. da laut der Verfasser_innen ansonsten eine „inflationäre, nivellierende und relativierende Rezeption“ stattfinden würde. Und nicht nur das, vielmehr wird betroffenen Frauen derVorwurf gemacht,“(…) eine Relativierung und einen inflationaren Ausverkauf des Vergewaltigungsbegriffs und damit eine nachträgliche Erniedrigung, Verhöh-nung und Beleidigung aller Opfer von sexistischen Gewaltverbrechen (…)“ zu betreiben. Wie gesagt, es sind die immer wieder gleichen alten Argumentationen, die hier zum Zuge kommen und nichts anderes beabsichtigen, als Frauen die Definitionsmacht darüber, was sie als erlebte sexualisierte Gewalt definieren und was nicht, absprechen. Es ist unbestritten, dass es Gewaltexzesse wie der geschilderte gegen Frauen gibt, aber es ist mehr als bezeichnend, wenn nur diese als quasi nicht mehr zu überse-hende Spitze des Eisbergs als Vergewaltigung anerkannt werden. Hier spiegeln sich konservative Weltbilder wider, in denen die Definitionsmacht nicht nur gar nicht existent sein darf, sondern die zugrunde Iiegende Definition von Vergewaltigung auch noch gegen Frauen verwendet wird, um diese zum Schweigen zu bringen.Vergewaltigungen, die nicht dem geschilderten Horrorszenario entsprechen, werden damit zu kaum mehr als Beziehungsproblemen psychisch instabiler Frauen erklart und negieren faktisch den größten Ted sexualisierter Gewalt. Da hilft es auch nichts, wenn die Autor_innen vollmundig betonen, eine „eindimensionale durch einen patriarchalen Wertekanon gepragte Auslegung des Vergewaltigungsbegriffes, wie sie im bürgerlichen Gesetzbuch verankert ist“, abzulehnen. Letztendlich tun sie aber genau das – und noch schlimmer, sie fallen mit ihrer vorgenommenen Definition von Vergewaltigung noch hinter diese zurück, denn sie erinnert fataler Weise schon fast an Gesetzgebungen aus dem Mittelalter, wo Vergewaltigung, wenn überhaupt, nur anerkannt wurde, wenn Frauen dies durch erhebliche physische Verletzungen belegen konnten. Andernfalls wurde ihnen eine Allein- oder Mitschuld zugewiesen. Zwar wird auch den Autor_innen klar, dass es das so ganz nicht gewesen sein kann und so fällt ihnen durchaus ein, dass es wortwörtlich vielleicht doch „viele Formen der Vergewaltigung gibt: Von plakativer physischer Gewaltanwendung bis zu sexuellen Handlungen, die durch subtile psychische Einschüchterung erzwungen bzw. von den Opfern erpresst werden.“ Die Argumentation räumt also zunächst ein, dass es viel-fältige Formen von Vergewaltigung gibt, doch trotz dieser Einsicht wird in eben diesem Fall der betroffenen Frau NICHT zugestanden, dass sie die erlebte Gewalt als Vergewaltigung benennen darf. Die Definitionsmacht wird also nicht anerkannt, sondern (wieder einmal) von außen zu gestanden – oder eben nicht. Und so verwundert es dann auch nicht, wenn die „Freundinnen, Freunde und Bekannte des Mannes, dem vorgeworfen wird, ein Vergewaltiger zu sein“ dann auch selbst die Definitionshoheit darüber erheben, ob das, was ihr Freund der Betroffenen angetan hat, alsVergewaltigung benannt werden darf oder eben nicht. Die Definitionsmacht wird somit nicht nur nicht anerkannt, vielmehr wird hier eine ideologische Grundlage geliefert, die Definitionsmacht generell argumentativ auszuhebeln.

Glaubwürdig?
Ein weiterer Klassiker, der in Vergewaltigungsdiskussionen beständig aufgefahren wird, ist die Diskussion um die Glaubwür-digkeit der Frau. Dabei ist es nie allein ihre Aussage, die gilt, sondern die regelmäßig und systematisch aufgeblasenen Szenarien aus irgendwann und irgendwie von irgendwem geäußerten Details, die nun nach vermeintlichen Widersprüchen abgeklopft werden. Diese werden im Handumdrehen herangezerrt und nun quasi als Beweismittel gegen die Frau verwendet. Die Logik ist dabei schon sehr absurd – präsentiert sich die Betroffene nicht als das „perfekte Opfer“, steht ihre Glaubwürdigkeit generell in Frage. In den vorliegenden Texten ist dieses Vorgehen regelrecht als Kampagne inszeniert, womit sich die Autor_innen nicht nur selbst aus der Verantwortung ziehen wollen, da das Augenmerk statt auf den Um-gang mit dem Täter einzig auf die Glaubwürdigkeit der Frau gelenkt wird. Sie bedienen damit auch die in Iinken Kreisen weit verbreitete „Definitionsmacht, ja aber…“ Mentalität. Diese verkündet zwar offen, das Prinzip der Definitionsmacht generell anzuerkennen, nur um diese anhand beschriebener Unglaubwürdigkeitsunterstellungen quasi durch die Hintertür wieder auszuhebeln. Denn wem nicht zu glauben ist, dem ist auch keine Definitionsmacht zuzugestehen. Hinter einer solchen Argumentation steht immer, dass die Definitionsmacht eben nicht anerkannt wird, sondern von außen kontrolliert und zugewiesen werden sollte.
Als weiteres immer wieder kehrendes Muster wird diese Debatte dann auch noch auf den Freundes- oder Untertstützerinnenkreis der betroffenen Frau ausgeweitet, die sich nur profilieren wollten…
Der Vorwurf, die Unterstützer_innen wollen sich durch ihre Rolle innerhalb dieses Konfliktes lediglich profilieren, zielt ebenfalls darauf ab, die Position der Betroffenen zu schwächen, indem durch dieVerbreitung von Lügen über die Unterstützer_innen gleichzeitig versucht wird, einen Keil in Form von Misstrauen und Zweifeln zwischen die Betroffene und die, die sie unterstützen, zu treiben. Konsequenz ist jeweils, die Betroffene zu entmündigen und zum Schweigen und zum Rückzug zu zwingen.

„Generalverdacht“
Ein weit reichendes Resultat der Untergrabung der Glaubwürdigkeit einzelner ist ein so geschürtes generelles Misstrauen gegenüber Veröffentlichungen von sexualisierter Gewalt im Allgemeinen. Dieser „Generalverdacht“ unterstellt erstmal jeder Betroffenen, die die erfahrene Gewalt öffentlich macht, dass diese die Unwahrheit sagt und eventuell lediglich Ziele wie persönliche Rache verfolge oder schlichtweg Aufmerksamkeit erheischen wolle. Diese Konsequenzen haben Signalwirkung, nicht nur für die, die die Definitionsmacht nicht anerkennen oder die „Definitionsmacht ja, aber….“-Fraktion, sondern auch für die, die sexualisierte Gewalt erfahren haben oder potentiell erfahren könnten. Denn aufgrund der breiten öffentlichen Diskussionen, die z.B. durch einen solchen Text entfacht oder zumindest öffentlich gemacht werden, wird jeder (potentiell) Betroffenen klar, mit welchen Konsequenzen sie im Falle einer Veröffentlichung zu rechnen hat. Und ob sich irgendjemand genau diesen Diskussionen,Vorwürfen und Infragestellungen aussetzen will, ist zweifelhaft. Somit ist im Prinzip auch der Vorwurf, sich durch eine Veröffentlichung lediglich persönliche Genugtuung zu verschaffen, bereits ziemlich absurd, da die Folgen einer Veröffentlichung offensichtlich erstmal vor allem für die betroffene Person selbst absolut fatal Sind. Zumal sich die öffentliche Aufmerksamkeit in erster Linie auf das Schicksal des Täters, der stigmatisiert und (zu unrecht…) verfolgt wird, richtet. Dies macht sich an obligatorischen „Rufmord“-Vorwürfen fest. Schriftliche Statements wie das der „Freunde“ und „(Zeit)Zeugen“ oder auch des Fischkopp-Kollektivs, das sich explizit positiv auf Aussagen der Freunde des Täters bezieht, diskreditieren nicht nur einzelne Individuen, sondern bieten vielmehr eine ideologische Grundlage, sexualisierte Gewalt und vor allem deren öffentliche Thematisierung zu bagatellisieren und zu stigmatisieren. Solche „Argumente“ werden traditionell ins Feld geführt um feministische Positionen zu bekämpfen und damit den Kampf um antisexistische Standards zu untergraben. Sie sind frauenfeindlich und Teil eines patriarchal-konservativen Weltbildes.Wer mit solchen Positionen und Definitionen von Vergewaltigung in Verbindung mit Vergewaltigungsmythen auffährt, wird immer zu dem Schluss kommen, dass Frauen, die ihre Gewalterfahrungen benennen, nicht glaubwürdig sind. Diese Texte sind aktiver Täterschutz und die Autor_innen haben sich offensichtlich schon lange von linken bzw. politisch-emanzipatorischen Grundstandards verabschiedet.

Zum Schluss:
Pro-feministische und antisexistische Standards wie Definitionsmacht und Parteilichkeit sind nicht vom Himmel gefallen, sondern mussten in einem jahrelangen Prozess erarbeitet und erkämpft werden. 1m Hier und Jetzt, egal ob in der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft oder eben einer Szene, die sich mal emanzipatorische Ziele gesetzt hatte, sind jedoch selbst diese Standards offensichtlich nicht selbstverständlich und schon gar nicht garantierbar.Vielmehr ist hien gerade in der linksradikalen Szene, ein Rollback zu beobachten, dessen fatale Folgen noch nicht im Ganzen absehbar sind. Dies verdeutlicht auch das unglaublich katastrophale Niveau, auf dem die derzeitigen Diskussionen über eben diese Positionen und den öffentlichen Vorwurf einer Vergewaltigung im Besonderen, zur Zeit verhan‑delt werden.Wenn Frauen / Betroffene sich vor eben diesem Hintergrund lieber aus dem Fenster stürzen oder die Koffer packen, anstatt eine Vergewaltigung zu veröffentlichen, ist das mehr als nachvollziehbar. Bevor das aber zum Normalzustand wird, sollte der eigene antisexistische Anspruch und die damit verbundenen praktischen Konsequenzen endlich als notwendig anerkannt – und vor allem – umgesetzt werden.