Nachtrag: Deutsche Empörung

Inzwischen sind auch in mehr Zeitungen Artikel zu der deutlichen Stellungnahme Michael Szentei-Heises, dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, erschienen.
Obwohl schon gestern eindeutige Klarstellungen öffentlich waren, dass es keinen Satz gab in dem das Wort „Nazi“ und „Mehdorn“ auftauchte, versucht man in verschiedenen Zeitungen einen „indirekten“ Nazi-Vorwurf zu finden.

Herr Mehdorn ist inzwischen doch sehr empört und beweist, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt:

„Solche ungeheuerlichen Vorwürfe disqualifizieren sich von selbst. Die Äußerungen sind unverzeihlich, und wir werden es den Juristen überlassen, diese zu bewerten.“ Außerdem betonte der Vorstandsvorsitzende, die Deutsche Bahn setze sich kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinander.

Die „kritische Auseinandersetzung“ der DB kann nur als blanker Hohn verstanden werden, wenn man sich vor Augen führt, dass zum einen in Frankreich die Bahn die Finanzierung des Projekts übernahm und zum anderen die Ausstellungen kaum als „kritisch“ oder auch nur ansatzweise als Gedenken bezeichnet werden können. Außerdem verschweigt Mehdorn geflissentlich, dass er vom Bundesverkehrsministerium mehr oder weniger gezwungen werden musste, die neue DB-eigene Ausstellung durchzuführen. Ansonsten zeigt auch Mehdorn, schon das aufgezeigte Verhaltensmuster, der deutschen NS-Gedenk-Vorreiterrolle, in der sich man hier gerne sonnt, wenn er ein Mitglied der jüdischen Gemeinde belehren glauben zu müssen weiß, wie man mit der Erinnerung an die Shoa umzugehen habe und welcher Umgangston zu gebote stehe. Unvermeidlich bleibt dann auch die Drohung nach rechtlichen Schritten.

Das Statement zur Gewissensbereinigung der DB zeigt außerdem, dass man gelernt hat Gedenken gegeneinander auszuspielen und die, für ein Unternehmen wie die DB lächerlichen, Betrag zur Unterstützungen für einzelne Projekte gerade im historischen Kontext der Reichsbahn-Nachfolge als Hohn erscheinen müssen. Denn der Gewinn der Reichsbahn durch Deportation udn Mitwirkung an der Shoa, sind de facto die GRundlage für die DB.

In der Öffentlichkeit, so der DB-Vorstand, gebe es viele Menschen, die wüssten, wie sich die Deutsche Bahn gerade in Mehdorns Amtszeit mit der Vergangenheit der Deutschen Reichsbahn kritisch auseinandergesetzt habe. Als Beispiele sind zu nennen: Die Dauerausstellung zur Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus im Nürnberger DB-Museum, die aktuell gezeigte Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod – die Deportationen der Deutschen Reichsbahn“ sowie die Unterstützung von weiteren Projekten wie dem Film „Der letzte Zug“ von Arthur Brauner. Nicht zuletzt ist der freiwillige Beitrag der DB an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zu erwähnen.

(Quelle: Pressemitteilung der DB)

Die wahre deutsche Moralkeule schwingt jedoch Friedrich Roeingh in einem Kommentar in der Westdeutschen Zeitung. Er weiß, was sich gehört und was nicht und unterlegt dies mit einer „Geschichte der Nazi-Vergleiche in der politischen Auseinandersetzung“. Denn er weiß,

Es sind stets zwei Quellen, aus denen sich die schiefen Nazi-Vergleiche speisen: Rhetorische Hilflosigkeit beim Ausdruck der Empörung, oder ein kalkulierter Tabubruch, um ein größtmögliches Echo auszulösen. In beiden Fällen wird der industriell betriebene Massenmord von Auschwitz relativiert, und seine werden Opfer verhöhnt.

Seine vermeintlich so gute Analyse ist so scharf wie ein rostiges Fleischerbeil, denn sie verharrt nur auf Darstellung der einfach wahrnehmbaren Ebene der politischen Diskussion. Das es einen eklatanten Unterschied zwischen derartigen Vergleichen gibt und auch jeweils andere Ideologien der BEweggrund für eine solche Äußerung sind, fallen dem deutschen Zeitungsschreiberling nicht auf. Auch wenn seine „Historie“ dafür schon genug Material liefert:

Helmut Kohl erlag gleich mehrfach dieser Versuchung. Mitte der 80er Jahre verglich er seinen späteren Freund Michail Gorbatschow mit Joseph Goebbels, und 2002 titulierte er Wolfgang Thierse als den schlimmsten Parlamentspräsidenten seit Hermann Göring. Die ehemalige Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin bereitete ihrer politischen Karriere 2002 selbst ein Ende, als sie US-Präsident George Bush in der Debatte um den Irak-Krieg mit Hitler verglich. Und der Augsburger Bischof Walter Mixa wusste sich erst jüngst der persönlichen Kritik von Grünen-Chefin Claudia Roth an ihm nur durch den Hinweis zu erwehren, diese knüpfe an die NS-Propaganda-Hetze gegen die katholische Kirche an.

So hätte er zum Beispiel bei genauerer Analyser erkennen können, dass Däubler-Gmelin einen typisch deutschen Antiamerikanismus artikulierte. Und die Äußerungen Kohls beweisen primär eins, und zwar nicht „Empörung, oder ein kalkulierter Tabubruch“, sondern dass den Deutschen Auschwitz eine Leerstelle ist, die man überall hinprojezieren kann und die von ihnen nicht zu begreifen ist, da sie sich mit deutscher Ideologie und ihrer eigenen Adaption dieser auseinandersetzen müssten. Und das dies ein deutsches Phänomen ist, bewieß spätestens Joschka Fischer mit seinem Gerede von einem „serbischen Auschwitz“.
Dies ist für Friedrich Roeingh unbegreiflich und so will auch er „die Juden“ belehren, weiß das sich „Missbrauch des Holocaust“ verbiete und empört sich über die Standfestigkeit Szentei-Heises. Denn auch für ihn ist unbegreiflich, dass der Vergleich gar nicht so absurd war und sich aus simplen Tatsachen auch kaum verbiete. Denn, wie schon an anderer Stelle ausführlich dargestellt, bemüht sich Mehdorn permanent das Gedenken zu verhindern und beschimpft gar Personen wie Beate Klarsfeld. Das Mehdorn als Rechtsnachfolger auch “Führer der neuen Reichsbahn” ist und außerdem eine simple Analyse antisemitischer Denkmuster in der BRD, sowie eine deutscher Täter während des NS, die Aussagen Szentei-Heise bestätigen würde, das ist die Tatsache, die in Deutschland nicht wahr sein kann und darf.
So schreibt Herr Roeingh dann auch:

Dieser Missbrauch des Holocaust wird nicht lässlicher, wenn er von einem Mitglied der jüdischen Gemeinschaft begangen wird. Die ungeheuerliche Unterstellung gegen Bahnchef Hartmut Mehdorn, dieser hätte in gleicher Funktion im Dritten Reich die Deportation der Juden in die Vernichtungslager ebenso angeordnet wie seine Vorgänger, geht sogar noch weiter als viele Vergleiche zuvor. Der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf stempelt Mehdorn zum potenziellen NS-Täter – wenn dieser nur die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Und statt sich einen Tag später in aller Form zu entschuldigen, bekräftigt Szentei-Heise diesen Ausfall auch noch.

In so einer Zeitung kann man dann auch nur titeln „Szentei-Heise beleidigt Mehdorn und die Deutsche Bahn“, „unerklärlich“ wieso man nicht gleich schrieb „[…] bleidigt Deutschland!“.

Die Initiative hat inzwischen auch eine aktuelle Stellungnahme herausgegeben, die die Unverschämtheit Mehdorns und der DB illustriert:

Die Konzernleitung der Deutschen Bahn AG belastet den „Zug der Erinnerung“ mit weiteren Rechnungen. Wie eine aktuelle Kalkulation des Trägervereins ergibt, will die DB bis zum Fahrtende rund 25 Tausend Euro für die Schienennutzung verlangen und rund 70 Tausend Euro für das Gedenken auf den Bahnhöfen erheben. Mehr als 10 Tausend Euro werden für as Abstellen der Wagen mit Fotos und letzten Briefen der Deportierten veranschlagt. Damit summieren sich die erwarteten Kosten auf über 100 Tausend Euro.

Nachdem der Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages die Konzernleitung im Januar gebeten hatte, über eine Spende in gleicher Höhe nachzudenken, schien der Weg für eine Verständigung frei. „Wir wollen den Streit unbedingt deeskalieren“, sagt der Vorstandssprecher im „Zug der Erinnerung“, „denn das Gedenken an die Opfer darf nicht beschädigt werden. Deswegen haben wir eine Bitte um Stundung gestellt.“ Aber statt auf die Zahlungen zeitweise zu verzichten, besteht die Bahn AG auf sofortiger Begleichung ihrer hohen Rechnungen. Damit schlägt die Konzernleitung erneut jeden Versuch aus, zu einer stillschweigenden Verständigung zu kommen und der gemeinsamen Verantwortung für die Opfer der „Reichsbahn“-Deportationen gerecht zu werden. Doch auf den Brief des Verkehrsausschusses hat Hartmut Mehdorn auch nach 8 Wochen immer noch nicht geantwortet. […]

Das Verhalten der DB-Spitze provoziert die überlebenden Opfer der „Reichsbahn“-Deportationen und deren Angehörige von Tag zu Tag mehr. In einem Schreiben aus Hessen, das an den Bundespräsidenten gerichtet ist, bietet ein Angehöriger der DB AG 20.- Euro an, um noch ausstehende Rechnungen für die Todestransporte seiner Verwandten zu begleichen. „Wir, Juden aus Halle, übernehmen für Sie die Bahnfahrtkosten“, wenden sich andere Angehörige an die Konzernleitung, und fordern das Management auf, den „Zug der Erinnerung“ zu besuchen.[…]

(Quelle: http://www.zug-der-erinnerung.eu/)

So ist auch Michael Szentei-Heise im Folgenden zuzustimmen:

Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte von Bahn-Chef Mehdorn müsse er nicht nehmen, erklärte der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. „Dieser Mann hat gezeigt, dass er für keinerlei Argumente zugänglich ist – auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Bleibt zu hoffen, dass die DB weiterhin keinen Pfenning von der Initiative erhält.

Infos zum Zug:

  • Zug der Erinnerung
  • Dossier zur Ausstellung bei german-foreign-policy.com
  • Einige Fotos aus der Ausstellung
  • Die Rede „Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, am 9.3.2008″
  • Presse:

  • WDR „Streit um „Zug der Erinnerung“ eskaliert“ 10.03.2008
  • Spon „Skandalöse Rede – Mehdorn als „Führer der neuen Reichsbahn“ beschimpft“ 10.03.2008
  • WAZ „Schlimme Entgleisung“ 10.03.2008
  • RP-Online „Bahn prüft Vorgehen nach Nazi-Vorwürfen“ 11.03.2008
  • AFP „NS-Vorwurf gegen Mehdorn: Bahn prüft juristische Schritte“ 11.03.2008
  • WDR „Bahn-Vorstand: Juristische Schritte wegen Nazi-Vorwürfen“ 11.03.2008
  • Westdeutsche Zeitung „Bahn-Chef Mehdorn indirekt als Nazi beschimpft“ 11.03.2008
  • Westdeutsche Zeitung „Szentei-Heise beleidigt Mehdorn und die Deutsche Bahn“ 11.03.2008
  • DB AG Presseinfo „Vorwürfe gegen Mehdorn ungeheuerlich“ 11.03.2008
  • Videobeitrag des WDR „Streit um „Zug der Erinnerung“

  • 1 Antwort auf “Nachtrag: Deutsche Empörung”


    1. 1 Gesammeltes #10 « riot propaganda Pingback am 17. April 2008 um 18:16 Uhr
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