Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang

Tjark Kunstreich hielt am 1.April in Halle in den Räumen von RadioCorax „Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang“. Eingeladen hatte hierzu die ag antifa im stura der uni halle.

Wenn sich niemand mehr wundert, dann stimmt etwas nicht: An der Musik kann es nicht liegen, daß deutscher Sprechgesang zur beliebtesten Stilrichtung unter männlichen Jugendlichen geworden ist. Die Einfallslosigkeit der Samples, die Stereotypie der Pose, der immergleiche Sprechrhythmus, mit dem sich deutsche Rapper gegen den Flow und den Sprachwitz amerikanischer Rapper abgrenzen wollen, indem sie noch männlicher, d.h. unmusikalischer daherkommen, leben schon längst mehr von Street-credibility, also der Beschränktheit der Instrumente wie des eigenen Geistes, sondern von scheinbarer Provokation.
Die Inhalte dieser Provokation der deutschen Bürgerwelt sind hinlänglich bekannt: Schwulenhaß und Frauenverachtung, Rassismus und Antisemitismus, Antiamerikanismus und eine merkwürdige Affinität zum Islam. Allerdings sind gerade letztere zu Provokation in Deutschland kaum geeignet, weil das Ressentiment den allgemeinen Geisteszustand kennzeichnet. Gegen Schwulenhaß und Frauenverachtung im deutschen Sprechgesang protestieren jedoch viele, von Claudia Roth bis zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: Das will man doch lieber dem Iran und anderen Ländern überlassen, bei denen man sich damit beruhigen kann, daß es sich bei Gepflogenheiten wie Steinigungen um kulturelle Eigenheiten handele.
Weil das eine Ressentiment geteilt wird und das andere nicht etwa verurteilt würde, weil es menschenverachtend und antizivilisatorisch ist, sondern schlicht, weil man zwar so denken, aber nicht so sprechen dürfe, also weil es nicht politisch korrekt formuliert wird, erscheint es in der öffentlichen Debatte so, als seien die schwulen- und frauenfeindlichen Texte deutscher Rapper Ausfälle einer ansonsten kommoden Subkultur. Die zur Eingrenzung dieser Ausfälle unternommenen Bemühungen erinnern nicht zufällig an die akzeptierende Sozialarbeit mit Nazis, deren Erfolg darin bestand, das Nazitum zur Alltagskultur zu machen.
Was aber, wenn es sich, ähnlich wie bei den Zonen-Nazis der neunziger Jahre, nicht um Irregeleitete handelt, sondern um Überzeugungstäter? Wenn es tatsächlich nicht um die Musik, sondern um die Botschaft geht? Der Schwulenhaß und die Frauenverachtung sind nicht zufällig mit zivilisationsfeindlicher Ideologie verbunden: die Frauen- und Schwulenemanzipation sind ja nicht zuletzt ein Resultat der Zivilisation. Und an die, die der Zivilisation etwas zu danken haben, heftet sich der Haß derer, die von sich meinen, zu kurz gekommen zu sein und immer übers Ohr gehauen zu werden. Kurzum: Deutscher Hiphop ist wegen der Haß-Texte erfolgreich und nicht wegen der Musik. Auf den Konzerten treffen sich männliche Jugendliche mit der Sehnsucht nach dem Männerbund, die auch ansonsten für klare Verhältnisse sind. Die Männlichkeit, mit der sie imponieren wollen, ist so hohl, daß sie Schwule und Frauen, die für eine unbekannte Verheißung stehen, hassen müssen. Und sie glauben dem, der ihnen das erzählt.
Der Männerbund, das wußten schon die Vertreter der Kritischen Theorie nach ihrer Studie über Autorität und Familie, ist die Keimzelle autoritärer Herrschaft. Das Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen, wie sie in Banden und Gangs vorherrschen, korrespondiert mit einer Homophobie, die das gleichgeschlechtliche Verlangen im eingeschlechtlichen Zusammenhang leugnen und nach außen projizieren muß.

Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist. Er hat u.a. für den von Renate Göllner und Ljiljana Radonic herausgegebenen Sammelband „Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ (Freiburg: Ca-Ira-Verlag) einen Beitrag über den Zusammenhang von Männerbund und Homophobie verfasst.

Teil 1
Dauer: 30:05 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Teil 2
Dauer: 19:06 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Teil 3
Dauer: 20:30 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Teil 4
Dauer: 24:08 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Teil 5
Dauer: 29:42 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Im Vorlauf zum Vortrag gab es zwei Interview zum Thema, zum einen mit dem Referenten Tjark Kunstreich zum anderen mit Hannes Loh, Autor und Mitbegründer der deutschen HipHop Gruppe Anarchist Academy.

Tjark Kunstreich im Gespräch

Die deutsche Hip-Hop und Rapper-Szene macht immer mal wieder von sich reden. Häufig sind es ziemlich krude Sprüche, mit denen der Sprechgesang in die Schlagzeilen kommt. Mann gibt sich homophob, frauenfeindlich und antisemitisch. Und fühlt sich äußerst stark dabei. Macho-Typen sind in der Szene auf der Tagesordnung. Es wird provoziert wo es geht. Allen bekannt ist wahrscheinlich die 2005 vom Rapper Bushido plazierte Provokation in einem Song, dort hieß es: „Ihr Tunten werdet alle vergast.“ Das Plattenlabel musste zurückrudern. Die Textzeile wurde geändert und heißt heute: „Ihr Tunten werdet verarscht.“ Heute abend gibt es in Halle eine Veranstaltung, die sich dieses Themas annimmt. Organisiert von der AG Antifa des Studierendenrates. Titel des Vortrages: Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang. Am Telefon sprach Armanda Hasenfusz mit dem Referenten Tjark Kunstreich. Er ist Publizist und schreibt u.a. für die KONKRET.

Dauer: 16:24 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Hannes Loh im Gespräch

DIESER TAGE: Vortrag in Halle, der zeigt, dasz es durchaus naiv ist zu glauben, HipHop sei aufgrund seiner schwarzen Wurzeln immun gegen rechte, gegen revisionistische Vereinnahmungsbestrebungen…
Tjark Kunstreich referierte dazu in den Räumen von Radio Corax. zentrale These: Schwulenhass gehört zum „guten Ton“ in der Hip-Hop- und Rapper-Szene. anlasz genug, um mit hannes loh genau darüber zu reden.

Dauer: 16:00 min

Download unter http://www.freie-radios.net/

Außerdem führte RadioCorax schon im September 2007 mit Murat Güngör, Mitbegründer des antirassistischen Netzwerkes „Kanak Attak“ und Autor, schon ein Gespräch zum damals aktuellen homophoben Ausfällen von G-Hot und der hallenser HipHop Szene. Zuerst sei jedoch der Text von eQual! Halle zu den Vorfällen dokumentiert.

Deutsch-Rap mit der Härte der Nazis. Sept.2007

„Sowas hat kein Leben verdient“
Die bekannte Easy Schorre plant am 05.10. eine Party mit den schlechtesten Rappern Berlins. Frauenhass, sexuelle Gewalt und Homophobie finden sich in vielen Texten.
Nazirapper G-HOT hat mit seinem Aufruf zur Vernichtung der ‘abnormen Schwulen’ eine neue Ebene betreten, wegen Voksverhetzung und Aufruf zum Mord wird ermittelt. Doch auf der Party in Halle soll er als Headliner auftreten.

Dass „schwul“ im deutschen Rap für „scheiße“ steht und nach Aussagen der meisten Rapper das Beste an Frauen ihre drei „Löcher“ sind, ist hinlänglich bekannt. Auch die verbalen Ausfälle gegen Homosexuelle, zuletzt Bushidos Pöbeleien vor dem Brandenburger Tor, sind aus dem deutschen Hip-Pop momentan nicht wegzudenken.
Die 4:12 Minuten lange Hasstirade der Rapper G-HOT [gesprochen: Dschi-hat] und BOSS A BERETTA aus Berlin mit dem Titel „Keine Toleranz“ ist jedoch einzigartig. Während sonst im Reim-Vergleich mit rassistischen, nationalistischen oder eben homophoben Wortspielen kokettiert wird, formulieren die beiden eine eindeutige Aufforderung zur Vernichtung:
„Gott schuf Adam und Eva und nicht Adam und Peter/ […] Was soll in Zukunft passiern/ Männerehen und Schwuchteln die Mädchen erziehen/ Meiner Meinung nach hat sowas kein Leben verdient/ Man sollte Schwule in den Medien verbieten/ Aus meiner Gegend wird dieses Elend vertrieben/ [Weg hier] Ihr seid der Grund warum die Väter aussterben/ Falsch gepolt und steht wie Mädchen auf Pferde/ Eine Schande für den Mann in den Po gefickt/ Deine Eltern schämen sich dass Du ein Homo bist/ Ich geh mit zehn MG’s zum CSD/ Und kämpf für die Heten die auf Mädchen stehn/ Seid wie ein Mann und zeigt dass Ihr keine Toleranz habt/ Haltet zusammen und schneidet ihnen den Schwanz ab“

Soweit beschreiben G-HOT und BOSS A ihr Weltbild im Song „Keine Toleranz“. Von einer neonazistischen Skinheadgruppe müsste dieser Hate-Hit im Clubhaus einer ostdeutschen Schrebergartenkolonie zum Besten gegeben werden, in Halle kann der Nazirapper G-HOT in der bekanntesten und größten Diskothek, der „Easy Schorre“ auftreten. Es ist ein Deutschrap-Abend der Extraklasse, auf dem er zusammen mit einigen fast genauso niveaulosen Kollegen aus dem Berliner Möchtegern-Untergrund einem jungen und nicht nur sexuell frustrierten Publikum menschenverachtende, homophobe und frauenfeindliche Schlager präsentieren will.
Dass gegen ihn Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufruf zum M ord laufen, ist den Verantwortlichen in der „Easy Schorre“ wohl unbekannt, ebenso wie die Texte der geladenen Gäste. Dies verwundert, sollten doch Veranstalter eigentlich etwas über die Acts wissen, die bei ihnen auftreten, muss es doch schließlich Gründe für das Booking gegeben haben. Auf youtube oder myspace stößt man sofort auf die brutalen und frauenverachtenden Songs, die nur von Gewalt, „Schwänzen“ und mit dem oder gegen den Willen ihrer Besitzerinnen penetrierten „Fotzen“ handeln.

Wir fordern alle halbwegs vernünftigen Leute auf, mit den verschiedensten Mitteln ihren Protest gegenüber den Veranstaltern und Sponsoren dieses so massiv in der gesamten Stadt beworbenen Konzertes zu äußern. Es ist verlogen, wenn sich diese Hetzer hinter dem Label „Hip-Hop“ oder „Provokation“ verstecken können.

RAPNAZIS RAUS!

Halle, am 12.09.2007

eQual! Halle
Initiative lesbischer und schwuler Studierender an der
Martin-Luther-Universität und der HfKD Burg Giebichenstein
equal_halle@gmx.net :: http://www.gleich.tk

Nazirap?! Ein Gespräch mit Murat Güngör

Halle steht mal wieder ein neuer Musikskandal ins Haus. Und dafür wird gleichmal überall in der Stadt geworben auf riesigen Plakaten.

Dauer: 14:20 min

Download unter http://www.freie-radios.net/


9 Antworten auf “Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang”


  1. 1 cmc 02. April 2008 um 7:19 Uhr

    weiteres dazu; etwa alle teile des vortrages..

  2. 2 lysis 03. April 2008 um 3:58 Uhr

    Entschuldige, aber ich bezweifle, dass du den verworrenen Quatsch, den Kunstreich da irgendwie zusammengerührt hat, selber verstehst. Dass du ihn trotzdem abhypst, kann ich mir nicht anders als mit der autoritären Sehnsucht nach ideologischem Geleit erklären.

  3. 3 Administrator 03. April 2008 um 15:39 Uhr

    @lysis: haste nix besseres zu tuen?
    und was du „bezweifelst“ udn dir zu „erklären“ versuchst ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. aber amüsant wie du auf den vortrag von kunstreich reagierst ^^

  4. 4 lysis 03. April 2008 um 16:11 Uhr

    Ich bezweifle es, weil es aufgrund seiner Faseligkeit und logischen Inkohärenz nicht zu verstehen ist. Aber vielleicht möchtest du ja gern, ganz wie Kunstreich, meine Reaktion psychologisch deuten! ;)

  5. 5 lysis 03. April 2008 um 19:03 Uhr

    Das ‘Bündische’, sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem ‘bündischen’ Prinzip basiere der Faschismus. Lassen wir das Problem beiseite, bis zu welchem Grade der wirklich Invertierte immer dem ‘Bündischen’ zuneigt — er ist oft einsamkeitssüchtig und scheu, man hat ihm einen asozialen Charakter vorgeworfen. Sogar aber vorausgesetzt, alle Invertierten suchten den Männerbund und der Männerbund habe stets die invertierte Note: worauf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlossen wurde, nicht der erotische Kitt, durch den er zusammenhält.

    … schrieb Klaus Mann 1934. Das müsste doch sogar ein Angehöriger des angeblich ja so homoerotischen Männerbunds Antifa begreifen können, oder nicht?

  6. 6 A.M.P. 03. April 2008 um 20:05 Uhr

    Der Kunstreich glänzt auch in der KONKRET nie sonderlich mit schlüssigen und nachvollziehbaren Argumentationen, da muss ich Lysis „recht geben“.

  7. 7 lysis 03. April 2008 um 22:28 Uhr

    Kompliment übrigens für das neue Layout! *thumbs up*

  1. 1 Von wegen! « Stumpf ist Trumpf Pingback am 08. April 2008 um 14:01 Uhr
  2. 2 Ebenso homophob wie schwulenfreundlich « f*cking queers Pingback am 15. April 2008 um 21:46 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.