1.Mai für (geistig) Arme

Am 1.Mai dieses Jahres wird der zentrale Aufmarsch von NPD und Kameradschaften in Hamburg-Barmbek stattfinden. Dagegen gibt es dann selbstverständlich linke Gegenaktionen und auch einen Aufruf der „Autonomen Antifaschistischen Gruppen Hamburg“, der fern von allem steht, was man Kritik nennen kann. Bei einem solchen Event fühlt sich die Linke in Hamburg beklaut, man faselt davon, dass der 1.Mai „uns“ gehöre und fühlt sich der eigenen Tradition beraubt. Anstatt zu begreifen, dass es kein linkes Monopol auf Antikapitalismus gibt wirft man jegliche Kritik und Analyse auf den Müll (sofern man so etwas jemals hatte). Im Bewegungs- und Aktionsfetisch gefangen versucht man in der postnazistischen Gesellschaft ernsthaft zum xten-mal ein „breites antifaschistisches Bewusstsein zu schaffen“. Man schreibt Sätzt wie „Der 1.Mai steht als internationaler Kampftag in der Tradition der linken Arbeiter_innenbewegung.“ und begreift so nicht, dass es in Deutschland nun mal auch eine Tradition an nazistischen und deutsch-nationalen Antikapitalismus in Verbindung mit einem deutschen Arbeitswahn gibt. Vielleicht wähnt man sich so sehr in Tradition der deutschen Kommunisten, dass es gerade auf Grund inhaltlicher Überschneidungen unmöglich wurde eine ädequate Kritik zu formulieren. Das man vom Antisemitismus gar keinen Begriff hat, hier steht man auch in bester Tradition, offenbart sich dann in dem Erklärungsversuch der „Volksgemeinschaft“: „So wird unterstellt, dass alle dieser Gemeinschaft Angehörenden ein gemeinsames Interesse hätten. In Abgrenzung dazu werden im Inneren diejenigen zu „Volksfeinden“ erklärt, die sich diesem Weltbild nicht unterordnen wollen oder können.
Kaum schocken kann dann noch der Titel der antifaschistischen Gegenmobilisierung „Internationale Solidarität statt Volksgemeinschaft!“. Vielleicht ist dieser auch nur eine Suche nach den richtigen Bündnispartnern um in ebster Hamburg-Barmbek-Tradition auf den linken „Hauptfeind“, die Antideutschen, einzuprügeln. Denn genau dieser Organisierungskreis fühlte sich damals durch israelsolidarische Antifas „provoziert“ und verklärte die Antisemit_innen in den eigenen Reihen zu Opfern dieser „Provokation“.
Absolut geistigen Kollaps erleiden die Aufrufenden, wenn sie, in Anlehnung an ihr „Nazis raus!-Gepöbel, ernsthaft davon sprechen, „dass die Nazis weder in Hamburg noch sonst wo auf die Straße gehören“. Es bleibt mit den Goldenen Zitronen zu antworten: „Was sollen die Nazis raus aus Deutschland? Was hätte das für‘n Sinn? Die Nazis können doch net ‚naus! Denn hier gehörn‘ se hin!
Hier kann dann nur die Autonome Antifaschistische Gruppen Hamburg selber zitiert und ihre Parole gegen sie selber gewendet werden, denn sie gehören wirklich „auf den Müllhaufen der Geschichte“.

Immerhin gibt es Lichtblicke im Dunkel, denn in der Ausgabe 0408 des Transmitters, dem Programmheft vom Freien Sender Kobminat, gab es einen Themenschwerpunkt zum 1.Mai, in dem auch folgender Artikel erschien. Dieser macht deutlich wo eine Kritik zum 1.Mai beginnen könnte. Damit rechnen, dass die autonomen Antifas diesen überhaupt lesen und wenn dann auch eine Reflexion vollziehen, tut selbstverständlich niemand.

Linker und rechter Antikapitalismus

„Eine andere Welt ist möglich“, eine Welt, in der die soziale Verelendung des Volkes – als typisches Merkmal des Kapitalismus – ein Ende hat und eine sozialistische Volkswirtschaft soziale Arbeitsbedingungen gewährleistet. Am Kampftag des 1.Mai 2008 wird dafür demonstriert – von der NPD, den Jungen Nationalisten, und, möchte man hinzufügen, eigentlich auch von sämtlichen größeren und kleineren linken Gruppierungen. Haben sich die Nazis nur mal wieder die Erfolg versprechenden linken Themen und Strategien abgeguckt, genauso wie sie die (mehr oder weniger) ästhetischen Erkennungsmerkmale wieschwarze Kapuzenpullis und Sonnenbrillen übernommen haben? Hat der Wolf Kreide gefressen, um durch soziale Demagogie die Verlierer_ innen des Turbokapitalismus in seine Fänge zu locken, wo sie dann zu spät feststellen, dass die Nazis weder antikapitalistisch, noch sozial, sondern nur national sind?

Angesichts der wiederkehrenden Heuschrecken-Diskussionen und der Konzentration vieler Antifas auf reinen Antinaziaktionismus halten wir es für unabdingbar, den Antikapitalismus der Nazis als solchen anzuerkennen anstatt darauf zu beharren, die Linke hätte die wahre Kapitalismuskritik per definitionem für sich gepachtet. Unseres Erachtens unterscheidet sich das diffuse Unbehagen mit den Erscheinungsformen des modernen Kapitalismus von einer radikalen Kritik der politischen Ökonomie vor allem in der Bestimmung von Arbeit und Geld bzw. Zins, oder, anders ausgedrückt, in der Trennung von eigentlich zusammenhängenden Prozessen. Während nach Ansicht der Nazis (und leider auch vieler sog. Linker) allein die Lohnarbeit dem Menschen sein Existenzrecht garantiert, werden die Kapitalist_innen, die diese nachfragen, verteufelt. Genauso hat auch niemand was gegen all die Waren einzuwenden, die uns umgeben, aber um so mehr gegen Geld und Zins, denen dann die Schuld an der Misere zugeschoben werden. Arbeit, Waren und Geld werden eben nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse erkannt, was auch nicht so einfach ist, da ihr (Fetisch)Charakter eben dies verhindert und sie als quasi-natürlich erscheinen lässt.

Waren entstehen, indem sie durch Arbeit erzeugt werden, wobei sie erst im Tausch ihren Wert realisieren können. In der Warenform ist also ein gesellschaftliches Verhältnis enthalten: Auf der einen Seite die Arbeitenden, die von nichts anderem leben können, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen, denn sie besitzen keine Produktionsmittel. Für ihre Arbeit erhalten sie weniger zurück, als diese wert ist, sonst hätte die andere Seite, die Produktionsmittelbesitzer_innen, keine Motivation, ihre Mittel zur Verfügung zu stellen. In der Ware drückt sich eben nicht nur der Produktionsprozess aus, sondern das gesamte gesellschaftliche Verhältnis, in dem produziert wird. Dass also einige Mittel besitzen, mit denen produziert werden kann, und einige nicht. Diese gesellschaftliche Dimension ist in der Ware aber nur schwer zu erkennen. Eine Ware erscheint zweigeteilt als konkreter Gebrauchsgegenstand (auch wenn viele Waren weder sonderlich konkret noch brauchbar erscheinen) und als ihr geldförmiger Preis. Da es eher schwerfallen dürfte, eine allgemeine Kritik des Gebrauchsgegenstandes zu leisten, kristallisiert sich das Unwohlsein mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im Geld, das scheinbar der abstrakte Ausdruck des ganzen Elends ist. In dieser Sichtweise erschafft nur echte Arbeit Geld, das bloß allgemeines Äquivalent ist und den in den Produkten enthaltenen Arbeitswert anzeigt. Geld selbst soll keine Ware sein, die, wie andere Waren auch, den Mechanismen von Angebot und Nachfrage folgt. Um zu verhindern, dass Geld eine Ware wird, mit der spekuliert und die angehäuft werden kann, kamen schon öfter Leute wie Silvio Gsell, Pierre Proudhon oder auch der Verein Fokus Altona e.V., der ein Altonaer Lokalgeld – den Alto – herausgibt, auf die Idee, eben das zu verhindern und so den bösen Seiten des Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. So sorgt der kontinuierliche Wertverlust des Altos dafür, „dass der ALTO fließt, also weitergereicht und nicht gehortet wird. So dient der ALTO dem regen Austausch von Waren und Dienstleistungen und nicht der Geldanhäufung mittels Spekulation und Zinsen.“ Geld aber ist mehr als reines Tauschmittel, sondern eben wie die Ware, ein gesellschaftliches Verhältnis.

Wenn Geld verliehen wird, wird dabei seine potentielle Fähigkeit, einen Profit zu erzielen, verkauft. Der Preis des Verleihs ist der Zins. Ohne die Möglichkeit der Kreditaufnahme wäre es für die meisten Kapitalist_innen unmöglich, z. B. neue Fabriken aufzubauen. Der Zins wird also aus dem Profit bezahlt, welcher durch die Vernutzung von Arbeitskraft (Produktion von Mehrwert) entsteht. Er ist eine Eigenschaft des Kapitals, das über den Verwertungsprozess mehr Kapital erzeugen kann. Auf der Oberfläche erscheint das dann als unvermittelte Geldvermehrung, was Marx auch als die fetischartigste Form des Kapitals bezeichnete. Der Zusammenhang zwischen Zins und Kapitalverhältnis wird vollständig ausgeblendet, der Zins der produktiven Arbeit gegenübergestellt. Einkommen aus Zinsen gilt dann als unmoralisch, da es nicht auf eigener „Leistung“ beruhe. Eine ordentliche Portion Neid auf dieses scheinbar so mühelos erwirtschaftete Geld mag auch teilweise den irrationalen Hass erklären, der grade die bekannteren Akteure des Finanzkapitals trifft. Besonders, wenn sie sich nicht in Deutschland niedergelassen haben und ihre Profite in ausländischen Nobelhotels vertrinken.

Eine wachsende Wirtschaft braucht die Finanzierung über Kredite. Wachstum an sich sehen sowohl rechte wie auch linke Kapitalismuskritiker_innen als unnatürlich an, sie wünschen sich eine kreislaufförmige Wirtschaft in möglichst abgegrenzten (nationalen) Räumen, die dem natürlichen Gang der Dinge entspräche. Damit einher geht häufig eine Kritik an Luxusgütern und dekadentem Lebenswandel, die schuld an einer ungerechten Verteilung seien. Aber genauso wenig, wie die gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse kritisiert werden, gibt es gerade bei den Rechten eine Kritik an Konkurrenz und Unternehmertum,
die eine Auslese der Tüchtigsten und besten garantiere und so den Volkskörper veredele.

Aus einer solchen Analyse der kapitalistischen Gegebenheiten, die zwischen der guten, produktiven Arbeit sowie Unternehmertum und der abstrakten und scheinbar überflüssigen Seite von Geld und Zins zu trennen versucht, resultiert auch eine Staatskritik, die keine ist, sondern meist nur kritisiert, wie sich der Staat in bestimmten Bereichen verhält. So fordern die Rechten angesichts der Schließung des Bochumer Nokia-Werkes den Aufbau eines staatlichen Mobilfunkunternehmens, während die linkeren die Rückzahlung von Subventionen und den Erhalt des Betriebs fordern.

Es gilt, sich einem Antikapitalismus zu verwehren, der sich im Ressentiment gegen jene Erscheinungen der modernen Gesellschaft, die als bedrohlich empfunden werden, erschöpft und versucht, einzelne Erscheinungen der kapitalistischen Vergesellschaftung aus ihrem Zusammenhang zu reißen und abzuschaffen bzw. zu verdammen. Wer solche Ansätze auf Seiten der Nazis als nicht ernst gemeinte, rein strategische Diskussion bewertet, entblößt durch diese defensive Abwehrhaltung nur den Unwillen zu einer radikalen Kritik dieser Gesellschaft, die eine vernünftigere Alternative bietet, als „das Kapital zugunsten des Volkes bändigen“ (Aufruf der NPD zum 1. Mai) oder sich nach den Liechtenstein’schen Skandalen mit Transparenten vors deutsche Bundeskanzleramt
zu stellen, die da „Stoppt die Raubritter: Sanktionen gegen Liechtenstein“ fordern (attac).


5 Antworten auf “1.Mai für (geistig) Arme”


  1. 1 Difficult is Easy 08. April 2008 um 21:27 Uhr

    da du klammern um „geistig“ gesetzt hast, meinst du wohl arme können sich nur die schlechte kapitalismuskritik leisten, oder was?
    „kackscheisse“

  2. 2 Administrator 08. April 2008 um 21:34 Uhr

    ne, wollte erst nur arme schreiben, aber habe das „(geistig)“ dazugesetzt, in der sorge es könnte mal wieder jemand nicht verstehen was gemeint ist.

  3. 3 kissogramm 09. April 2008 um 13:25 Uhr

    natürlich ist der aufruf scheisze. sollte jedoch niemanden davon abhalten, trotzdem hinzugehen.

    zum ersten, um die nazis zu stoppen.
    und zum zweiten, um bessere kritik, die das label kritik auch verdient, an den mann und die frau zu bringen.

    antisemiten mit „nie wieder israel“rufen gehören gehauen, nicht ignoriert, weil „langweilig“.

  4. 4 Administrator 09. April 2008 um 20:26 Uhr

    Dagegen spreche ich mich ja auch an keiner Stelle aus, da sei der schon viel zierte Satz von der Gruppe BadWeather ausgegraben:

    „(…)Den bekennenden Nationalsozialisten als stärkstem Ausdruck der Deutschen Ideologie ist dort praktisch entgegenzutreten, wo sie auftreten.(…)“ BAD-WEATHER Gruppe 2004

  1. 1 1.Mai reloaded « riot propaganda Pingback am 15. April 2008 um 2:10 Uhr
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