‚Bildung ist keine Ware’ –kritische Anmerkungen zu einer politischen Parole

Unter dem Titel „‚Bildung ist keine Ware’ –kritische Anmerkungen zu einer politischen Parole“ erschien in dem Buch Der Aufbruch des konformistischen Geistes. Thesen zur Kritik der neoliberalen Universität von Gerhard Stapelfeld folgender Essay. Dieser sei, gerade im Kontext der Reform der Studiengebühren durch einen Schwarz-Grünen Senat, welche Linke Aktivisten überfordert dastehen lässt, wärmstens empfohlen.
Von Gerhard Stapfeldt erschienen ansonsten die hervorragende Reihe über die Epochen der bürgerlichen Ökonomie: „Der Markantilismus – Die Genese der Weltgesellschaft vom 16. zum 18. Jahrhundert“, „Theorie der Gesellschaft und empirische Sozialforschung – Zur Logik der Aufklärung des Unbewußten“ und „Der Liberalismus – Die Gesellschaftstheorien von Smith, Ricardo und Marx“ im ça ira Verlag.

„‚Bildung ist keine Ware’ –kritische Anmerkungen zu einer politischen Parole“

von Gerhard Stapelfeldt

„Bildung ist keine Ware!“ Unter diesem Slogan wurden bis Anfang September diesen Jahres (2004) in Hamburg Unterschriften für ein Volksbegehren gegen den erheblich erweiterten Einfluß ‚der Wirtschaft’ auf die Berufsschulen gesammelt. Unter diesem Slogan protestieren spätestens seit 2002 Studierende gegen den kapitalkonformen Umbau der Hamburger Universität, der bereits teilweise zu einer organisatorischen Umstrukturierung nach dem Vorbild von Aktiengesellschaften geführt hat und der inhaltlich enden wird mit der geplanten dramatischen Reduzierung der Geisteswissenschaften bis zum Jahre 2012.
So verständlich und sympathisch der Protest sein mag – er ist politischökonomisch naiv. Einerseits ist die vorgebliche Verwandlung von Bildung in eine Ware keineswegs auf Hamburg beschränkt. Durch die Abkommen zur Gründung der Welthandelsorganisation WTO, des GATT, vor allem des GATS (Allgemeines Übereinkommen über den Handel mit Dienstleistungen) aus dem Jahre 1995 ist der ‚Wissensmarkt’ liberalisiert und ein weltweiter Handel mit der Ware ‚Wissen’ eröffnet worden. Auf europäischer Ebene strebt die Europäische Union mit dem 1999 in Bologna eingeleiteten Prozeß der Reformierung des europäischen Hochschulsystems an, die Universitäten in Wissensbetriebe auf einem durch Wettbewerb gesteuerten Wissensmarkt umzugestalten und dadurch die Grundlage zu schaffen, um die EU bis zum Jahre 2010 in den „weltweit größten wissensgestützten Markt“ zu verwandeln. Wettbewerb aber bedeutet: Reduktion von Bildungsprozessen auf vergleichbare, meßbare, quantifizierbare und abprüfbare Leistungen; Reduktion von Wissenden auf berechenbare Personifikationen reproduzierbaren Wissens. Wissende und Wissen werden objektiviert, in Mittel zur Steigerung ökonomischer Macht in einem globalen Kampf der EU mit den USA und Ostasien (Japan, China)
verwandelt. Angesichts dieser weltweiten Strategien ist ein auf die Stadt Hamburg beschränkter Protest harmlos: Es kann nicht darum gehen, die Schulsenatorin oder den Wissenschaftssenator Hamburgs abzulösen, es kann auch nicht darum gehen, in Hamburg andere Parteien mit der Senatsbildung zu beauftragen. Der Hamburger Senat setzt nur eine politisch-ökonomische Strategie um, die europaweit, ja weltweit vertraglich fixiert ist.
Der Protest ist auch harmlos, weil er suggeriert: Wenn es gelingt, die Hamburger Politik zu verhindern, wird die Verwandlung von Wissen in eine Ware verhindert. Es scheint, als ob es gelte, eine bis vor kurzem heile Bildungswelt nur zu bewahren. Wurde nicht vor mindestens 150 Jahren das Wissen zur Ware durch die wissenschaftlich-technische ‚Zweite Industrielle Revolution’? Wurde nicht zeitgleich das Wissen zur Ware, weil die Bürokratisierung von Wirtschaft und Staat im Imperialismus das Fachwissen von Juristen und Betriebswirten verlangte? Das Wissen ist längst eine Ware, die Bildung ist längst untergegangen – das haben Kulturkritiker wie Friedrich Nietzsche bereits am Ende des 19. Jahrhunderts beklagt.
Die Parole: „Bildung ist keine Ware!“ offenbart die Hilflosigkeit des Protestes – auf welche Idee kann sich die Kritik der neuesten ‚Bildungspolitik’ stellen? Es wird zurückgegriffen auf eine alte philosophische Idee, die besonders in Deutschland um 1800 eine, wenn auch kurze, Blüte in der Humboldt-Universität erlebte und die alsbald begraben wurde. Was ist das also: Bildung? Wie wurde die Idee der Bildung in Deutschland um 1800 institutionalisiert? Warum wurde schon im 19. Jahrhundert die Idee der Bildung auf dem Altar des Kapitalprofits liquidiert? Warum ist der heute dominierende Neoliberalismus ein ökonomisches Gesellschaftsmodell, in dem die Idee der Bildung als völlig antiquiert erscheint?

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4 Antworten auf “‚Bildung ist keine Ware’ –kritische Anmerkungen zu einer politischen Parole”


  1. 1 unkultur 10. April 2008 um 19:57 Uhr

    Ich fand den Aufsatz einerseits recht informativ durch die Darstellung der historischen Genese des Bildungsbegriffs, zuerst in der Antike, dann im deutschsprachigen Raum. Andererseits wird dann abrupt auf den Neoliberalismus umgeschwenkt und recht kurz und m.E. auch nicht wirklich gut begründet auf diesem herumgehackt – um dann, und das ist das Problem, einfach unvermittelt zu enden. Wie verhalten sich das bisherige Bildungsparadigma und der Neoliberalismus, und was hat das mit den heutigen Protesten zu tun? Ein Fazit der Fragestellung bleibt aus. Nein Nein, das ist nicht die Dialektik.

  2. 2 Administrator 11. April 2008 um 16:21 Uhr

    War mir auch aufgefallen. Wobei ich den Anteil der historischen Darstellung so interessant, dass ich die 2Seiten zum Neoliberalismus ignoriert habe.
    Und der Part ist wirklich ein Abgrund. Davon abgesehen, dass er keine Begrifssbestimmung vollzieht und eine Entwicklung von diesem auch völlig ausspart. Ab den 80ern ist dann halt einfach der Neoliberalismus da…
    Das er den Teil dann auch nicht wirklich in seine Analyse und Kritik der Proteste einbezieht ist dann schon foglerichtig. Vielleicht muss man dies aber auch im Kontext seiner Publikationen betrachten, welche eben sich nicht auf den „Neoliberalismus“ beziehen.

    Aber zur Betrachtung der Studiproteste und ihrer Apologie an Bildung immerhin ei nhistorisch wertvoller Beitrag.

  3. 3 jojo 11. April 2008 um 22:25 Uhr

    Hat Robert Kurz schonmal sinnvolleres zu gesagt. :)

  1. 1 Aufklärung? Ja, bitte! … Aber wie geht das noch mal? « Philostammtisch Pingback am 05. Juli 2008 um 14:28 Uhr
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