Fortsetzung + erste Pressereaktionen auf das “Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter”

Die aktuelle Debatte um die Beschäftigung von deutschen Soldaten in der Gedenkstätte Kz Neuengamme, sowie der pädagogischen Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der folgenden „quasi“-Kündigung eines freien Mitarbeiters, welcher als Reaktion auf das Verhalten der Gedenkstättenleitung eine Betreuung der Bundeswehr ablehnte, folgten nun weitere Reaktionen. Nach dem Artikel auf Hagalil und der Soldiaritätserklärung des Teams der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte folgte nun die erste Presseraktion und auch einer Erklärung der AG Neuengamme, der Interessensvertretung der Überlebenden und ihrer Angehörigen des Konzentrationslagers Neuengamme.

Guide ist nicht gleich Guide

Viele Bundeswehrsoldaten besuchen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Dass nun ein Bundeswehrangehöriger selbst Besucher herumführen soll, verärgert die dort wirkenden freien Museumspädagogen. Einem kündigte die Gedenkstätte nun.

VON ANDREAS SPEIT

Die eingeforderte Diskussion blieb bisher aus. Seit Monaten bereits möchten die dort tätigen freien Museumspädagogen mit der Leitung der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme sprechen: über die Beziehungen zur Bundeswehr im Allgemeinen. Und ganz konkret darüber, dass neuerdings ein Bundeswehr-Angehöriger dort als freier Führer für Besuchergruppen wirkt. Statt des erhofften Gesprächstermins folgte nun jedoch die Kündigung für einen langjährigen Museumspädagogen.

„Der Anlass ist eine Protest-E-Mail von mir, in der ich die Instrumentalisierung des Gedenkens für militärischen Zwecke kritisiert habe“, sagt Olaf K. Führungen, die ein Bundeswehrangehöriger durchführe, mutmaßt K., dürften sich inhaltlich von anderen unterscheiden. Um seine Kritik zu unterstreichen, weigerte K. sich sogar demonstrativ, Bundeswehrgruppen über das Gelände zu führen. Diese stellen immerhin – nach Schulkindern – die zweitgrößte Gruppe unter den Besuchern. Die Antwort erhielt Olaf K. prompt per Post: Die Gedenkstättenleitung ließ ihn wissen, dass sie ab sofort auf seine freie Mitarbeit als Gedenkstättenpädagoge „verzichten“ werde. Denn sie müsse davon ausgehen können, dass die für sie tätigen Museumspädagogen jederzeit „für alle Gruppen zur Verfügung stehen“.

Keine Stellungnahme erfolgte jedoch zu der Kritik K.s, der in den vergangen neun Jahren das Team der freien Guides mit aufbaute und unzählige Führungen ausrichtete – darunter für hunderte von Bundeswehrsoldaten. „Gesprächsangebote hat es gegeben“, sagt Detlef Garbe, der Leiter der Gedenkstätte. Ein Treffen sei aber nicht zustande gekommen, räumt er ein.

Der nun so umstrittene Besucherführer hatte 2007 als Student der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr ein Praktikum in der KZ-Gedenkstätte gemacht. Das sei „sehr gut“ gelaufen, sagt Garbe, so dass es keine Bedenken gegeben habe, als er fragte, ob er nicht weiter mitwirken könnte. Beim Museumsdienst wurde der formal Angehörige der Bundeswehr, so Garbe, als Honorarkraft eingestellt – wie alle freien Guides. „Er hat keinen Auftrag der Bundeswehr“, sagt Grabe, und solle
auch nicht nur für die Bundeswehr da sein. Anders als Olaf K. geht der Gedenkstättenleiter davon aus, dass der Betreffende sich bei den Führungen alleine an die Leitlinien der KZ-Gedenkstätte halten werde.

„Unfassbar“, findet Fritz Bringmann, Ehrenpräsident der Gefangenenorganisation „Amicale Internationale KZ Neuengamme“, die Kündigung von Olaf K. und spricht gar von einem „Machtmissbrauch“. Die Gedenkstätte, so Bringmann, müsse dringend „gemeinsam mit dem Team der Gedenkstättenpädagogen und den Überlebendenverbänden über die Bedingungen der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr reden“. Bringmann, der selbst im KZ Sachsenhausen und Neuengamme inhaftiert war, ist entsetzt darüber, dass hier, an einem Ort der Vernichtung von mehr als 50.000 Menschen und des Leidens so vieler weiterer, ein Armeeangehöriger exponiert auftrete. „Ein Ort der Erinnerung“, sagt er, „darf kein Ort werden, an dem Bundeswehrsoldaten Führungen machen, für die der Gehorsam und der Einsatz politisch gewollter kriegerischer Mittel nicht in Frage steht.“ Seit der Befreiung sei „unsere Losung ,Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg‘. Das ist nicht aufgehoben.“ Die Häftlinge, sagt Bringmann, „waren Opfer des Krieges, da kann man doch jetzt nicht einfach Soldaten Führungen machen lassen“.

Er sieht im aktuellen Streit die Fortsetzung eines älteren Konfliktes: Im Februar 2004 hatte die Gedenkstätte Neuengamme eine Veranstaltung „Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet – ,Leben mit dem Massengrab‘“ mit ausgerichtet. Dabei wurde in einem Filmbeitrag unter anderem gezeigt, wie die Soldaten verarbeiteten, was sie im Kosovo erlebt hatten. „Eine Bundeswehr-Therapiesitzung“, so Bringmann damals einigermaßen entsetzt. Nicht nur er beklagte, die Gedenkstätte werde dafür instrumentalisiert, Soldaten auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Die Leitung der
Gedenkstätte räumte später ein, die Veranstaltung sei „ungeschickt“ gewesen. „Ich hoffte“, sagt Bringmann heute, „damit wäre das mit der Bundeswehr geklärt.“

Seitdem schwelt vielmehr der Konflikt. Über die Problematik schweigt auch Detlef Garbe nicht: „Manche pädagogischen Mitarbeiter befürchten, dass die KZ-Gedenkstätte von der Bundeswehr zur Legitimation von militärischen weltweiten Einsätzen missbraucht werden“ – getreu der einst durch die rot-grüne Bundesregierung ausgegeben Maxime, gerade wegen Auschwitz habe Deutschland heute Kriege zu führen. „Diese Sorge“, so Garbe weiter, „teile ich, ehrlich gesagt, aber nicht.“ Derweil fragt sich Olaf K., ob die Leitung wirklich denkt, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand von der Bundeswehr-Universität Soldaten herumführt, oder ob das jemand anderes tut. Ein Gespräch soll jetzt übrigens zeitnah stattfinden.

(Quelle: Taz)

Erklärung

Mit Bestürzung verfolgt die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme die Entwicklung des Verhältnisses von Bundeswehr und KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den letzten Jahren.

Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass es sich bei der Bundeswehr vor allem um ein Instrument der Regierung handelt, mit dem Interessen- und Machtpolitik auch mit kriegerischen Mitteln umgesetzt wurden und zukünftig verstärkt umgesetzt werden. Angehörige der Bundeswehr erklären sich mit ihrem Eintritt in dieselbe genau damit einverstanden. Diese Tatsache ist unserer Ansicht nach mit den Zielsetzungen der Gedenkstättenarbeit nicht in Übereinstimmung zu bringen, denn eine Gedenkstätte sollte mithilfe der Vermittlung historischen Wissens Menschen
behilflich sein, ein Bewusstsein für Respekt und Menschenwürde zu entwickeln und sie dazu ermutigen, kritisch und selbstständig Fragen zu Systemen staatlicher Unterdrückung und Diskriminierung zu stellen und sich mit der Geschichte und auch der unsäglichen Nachgeschichte von Neuengamme zu beschäftigen.

Aktueller Anlass dieser Erklärung ist die Einstellung eines Bundeswehrsoldaten als freier museumspädagogischer Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Im Rahmen dieser Arbeit wird er als Repräsentant der Gedenkstätte auftreten und die Geschichte des Konzentrationslagers und der Häftlinge an Schulklassen aber auch an Bundewehrgruppen vermitteln.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich in diesem Zusammenhang kürzlich entschieden, künftig auf die Mitarbeit eines langjährigen freien Mitarbeiters der Museumspädagogik zu verzichten. Grund für diesen drastischen Schritt war die Ankündigung des Pädagogen, nicht mehr als Guide für Bundeswehrgruppen zur Verfügung zu stehen, solange die Gedenkstätte nicht endlich bereit sei bzw. die Notwendigkeit erkenne, gemeinsam mit dem Team der freien Gedenkstättenpädagog/innen und
den Überlebendenverbänden Fragen hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der Einstellung eines aktiven Bundeswehrsoldaten als freien Museumspädagogen zu diskutieren, wie diese es seit längerem fordern.

Ist diese Entlassung ein Versuch seitens der KZ-Gedenkstätte, einer notwendigen inhaltlichen Diskussion um Leitbilder und politische Fragen zu entgehen? Wenn ja, aus welchem Grunde sollen mit engagierten, dort seit langem tätigen freien Mitarbeiter/innen keine inhaltlichen Diskussionen geführt werden?

Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme (AGN) als Interessensvertretung der Überlebenden und ihrer Angehörigen des Konzentrationslagers Neuengamme, sieht sich aus verschiedenen Gründen veranlasst, in dieser Angelegenheit zu intervenieren, auch, um das bislang positive Verhältnis von AGN und Gedenkstätte weiterhin zu gewährleisten.

Der Ort der Vernichtung von mehr als 50.000 Menschen und des Leidens so vieler anderer ist ein Ort der Erinnerung, des würdevollen Gedenkens und der Information. Er darf kein Ort werden, an dem ein deutscher Armeeangehöriger exponiert auftritt, für den die Richtlinien des Gehorsams und der Einsatz kriegerischer Mittel, die politisch gewollt von der Bundesrepublik Deutschland ausgehen, nicht in Frage stehen. Ebenso muss die Möglichkeit ausgeschlossen werden, dass Überlebenden oder ihren Angehörigen als BesucherInnen der Gedenkstätte ein deutscher Soldat als Guide gegenübersteht, auch wenn er dort nicht in Uniform erscheint.

Es geht der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme nicht darum, Angehörigen der Bundeswehr die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu verweigern. Diese ist unbedingt notwendig, unterstützenswert und sollte Aufgabe der politischen Bildung seitens der Bundeswehr als Organ eines sich als demokratisch gebenden Staates sein. Noch aber werden Gedenkstättenbesuche leider häufig dazu genutzt, Bundeswehrsoldat/innen auf Auslandseinsätze mit Kriegsverlauf vorzubereiten. Solange sich zudem Angehörige der Bundeswehr offiziell an Ehrenund Gedenkzeremonien für NS-Kriegsverbrecher in Mittenwald, am Ulrichsberg, auf Kreta, in Italien, Spanien, Frankreich und vor unzähligen Kriegs-Denkmälern in der BRD beteiligen, sind die Traditionslinien von nationalsozialistischer Wehrmacht und Bundeswehr keinesfalls durchbrochen. Die AGN sieht angesichts der Geschehnisse in Neuengamme die Umsetzung der Losung „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ eklatant in Frage gestellt.

Wir verurteilen zudem die Kündigung des freien Gedenkstättenpädagogen als einen Akt der Repression gegenüber einer Person mit einem unbequemen antifaschistischen Selbstverständnis, das allerdings unabdingbar ist für die pädagogische Arbeit in Gedenkstätten für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Auch und gerade an einem solchen Ort ist die politische Diskussion und die Auseinandersetzung über Richtungen und Inhalte von Gedenkstättenarbeit unumgänglich.

Hamburg, den 6.6.2008
Für den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme
Bert Wahls (bertwahls@t-online.de)


6 Antworten auf “Fortsetzung + erste Pressereaktionen auf das “Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter””


  1. 1 Andreas Lappöhn 11. Juni 2008 um 8:38 Uhr

    Die Erklärung der AGN ist sachlich nicht richtig: die in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme tätigen Museumspädagogen sind freie Mitarbeiter des Museumsdienstes Hamburg, von dem sie auch für ihre Tätigkeit bezahlt werden, sie stehen zu der KZ-Gedenkstätte in keinerlei vertraglichem Verhältnis. Die Gedenkstätte ist also gar nicht in der Lage, einen Museumspädagogen zu kündigen oder zu entlassen, das kann nur der Museumsdienst Hamburg tun.

  2. 2 Administrator 11. Juni 2008 um 16:57 Uhr

    Ich weiß zwar nicht was ihr Anliegen ist gegen die AGN und andere Gruppen Stimmung zu machen…
    Aber um auf das einzugehen was sie Schreiben, sei nur gesagt, dass es begrifflicht stimmt, dass die Gedenkstätte nicht kündigen kann, aber sie ist sehr wohl in der Lage und das hat sie hier auch getan, auf die Mitarbeit von Freien zu verzichten, also sie de facto zu entlassen. Da können sie jetzt Begriffsklauberei betreiben, ändert aber an der Bedeutung und dem Umstand rein gar nichts.

    Aber anscheind geht es auch primär darum gegen die AGN und Freie zu agieren, welche die Haltung der Gedenkstätte kritisieren, sonst würde man sich um derartige Details nicht streiten wollen. (siehe auch ihr anderes Kommentar)

  3. 3 Andreas Lappöhn 12. Juni 2008 um 9:46 Uhr

    Lieber Administrator,

    ist Ihnen die Kritik an den so genannten Kritischen unangenehm?

    Wenn eine Gruppe für sich in Anspruch nimmt, für ALLE Museumspädagogen zu sprechen und es aber in Wirklichkeit gar nicht tut und ohne Rücksprache in deren Namen öffentliche Erklärungen heraus gibt, die nicht der Meinung ALLER in der KZ-Gedenkstätte tätigen Museumspädagogen wiedergibt, darf man doch darauf wohl hinweisen? Ist nicht nämlich nicht besonders demokratisch.

    Genauso ist das Schreiben der AGN sachlich falsch, das wollte ich nur richtig stellen,es kann sonst nämlich leicht ein falscher Eindruck in der Öffentlichkeit entstehen :-) )))

  4. 4 Andreas Lappöhn 13. Juni 2008 um 20:19 Uhr

    Hallo,

    etwas zum Nachdenken:

    Zu der an sie herangetragenen Forderung nach Einbeziehung der Überlebendenverbände in die Debatte um das Verhältnis von Bundeswehr und Gedenkstätten erklärt die Gedenkstätte, dass sich bislang weder die Amicale Internationale KZ Neuengamme noch einer ihrer ausländischen Mitgliederverbände in dieser Sache an sie gewandt hat.

    (Auszug aus der heutigen Presseerklärung der KZ Gedenkstätte Neuengamme)

    Ein schönes Wochenende!
    Andreas Lappöhn

    P.S.: ein Großteil der Museumspädagogen, die in der KZ Gedenkstätte Neuengamme tätig sind, sind Miglied in der AGN. Interessenkonflikt?

  5. 5 Administrator 17. Juni 2008 um 17:45 Uhr

    so Punkt1: Mit den Kommentaren ist hier jetzt ersmal Schluss, da ihre Behauptungen mindestens genauso unprüfbar sind wie die der AGN oder des Teams der Freien. Wobei sie als Einzelperson noch weniger greifbar sind als die Gruppierungen.
    Ihr Kommentar zur „Toleranz“ ist mit da auch ziemlich egal.

    Punkt2: Ihre Einordnung der internationalen Verbände ist die ihre, durch nichts so zu belegen, wie sie es machen, zu unterstellen, diese würden der AGN oder den antimilitaristischen Freien widersprechen.
    Zum Nachdenken: Eventuell brauchen diese Verbände einfach nur länger?

    Und davon abgesehen ist ihre Aussage auch Unsinn, da sich beispielsweise Fritz Bringmann, Ehrenpräsident der Gefangenenorganisation “Amicale Internationale KZ Neuengamme”, schon eindeutig geäußert hat.

    Punkt3: Vielleicht können nicht alle Freien die Kosnequenzen so tragen wie Olaf K. es gemacht hat? Außerdem hat er niemand aufgefordert, sondern die Hoffnung geäußert, dass andere die gleichen Konsequenzen ziehen.

    (Obere Punkte auch zu: KZ-Gedenkstätte Neuengamme “Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter”
    )

    Punkt4: Unangenehm ist mir nichts, ändert nichts an der Tatsache das sie versuchen die AGN und das/ein Team der Freien unglaubwürdig zu machen.

    Punkt5: Wo gibt es dort einen Widerspruch? Es bestätigt den treffenden Charakter der Erklärung der AGN und des/eines Teams der Freien.

    Ende der Vermutungen, Unterstellungen etc

  1. 1 Studiogespräch zur Gedenkstätte Neuengamme « riot propaganda Pingback am 01. Juli 2008 um 3:32 Uhr
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