Archiv für Juni 2008

Deutsche Judenmord-Fans

Im September 2005 kam der Film „Paradise Now“ in Deutschland in die Kinos. Der Film des israelisch-arabischen Regisseurs Hany Abu-Assad, auf den Internationalen Filmfestspielen in Berlin wurde er dreifach ausgezeichnet und erhielt den Preis für den besten europäischen Film, den Publikumspreis sowie den Amnesty International-Filmpreis, wurde damals auf Grund seiner Darstellung von Selbstmordattentaten kritisiert. Diese werden im Film als verzweifelter Widerstand gegen einen übermächtigen Feind dargestellt, welche in letzter Konsequenz als moralisch legitimierten Erlösungsakte gelten sollen. Jüdischen Opfer bleiben wie Antisemitismus unsichtbar.

Nun wäre man nicht in Deutschland wenn nicht jemand wie Konradin Kunze auf die ‚kontroverse‘ Idee kommen würde, diesen Film als Theaterstück für das Junges Schauspielhaus in Hamburg zu inszenieren. Gerade das Adjektiv ‚kontrovers‘ verschafft den Kulturproduzenten der Theaterlandschaft ein begeistertes Glühen in die Augen. Das diese Kontroversität in diesem Fall die Rechtfertigung, Pathologisierung und Begeisterung von und für antisemitische Selbstmordattentäter ist interssiert diese kaum. Die Gruppe Kritikmaximierung Hamburg (km/h) konstatiert treffend zum Theaterstück:

Statt verständelnder Verzweiflungsrhetorik wäre eine Kritik des Vernichtungswahns der Selbstmordattentäter und Ihres ideologischen Fundaments notwendig gewesen. In Zeiten aber, in denen der Kulturbetrieb das gesellschaftliche Unbewußte reproduziert statt zu pointieren und zu kritisieren, ist vom Theater nichts anderes zu erwarten als die Witterung der Gefahr im allgemeinen Konsens und Konformität auf jeder Ebene: Aus Tätern werden Opfer gemacht.

Im Folgenden sei ein Ausschnitt des Flyers dokumentiert:

[…]Anlässlich seines 60. Geburtstags, an dem Israel mit einem erleichterten Seufzer den erstrittenen und verteidigten Fakt seiner Existenz als Gemeinwesen feiert, schickt ein deutsches Theaterensemble keine Glückwünsche, sondern inszeniert wider besseren Wissens eine Selbstmordattentäter-Apologie. Den »politisch kontrovers diskutierten Film ’Paradise Now’« (Zitat aus der Ankündigung des Stückes) mag das Schauspielhaus Hamburg bereits wegen des Attributs »kontrovers« als Werbeslogan. Statt nun aus den, anlässlich des cineastischen Auswurfs vorgebrachten guten Gründen die Finger von diesem Stoff zu lassen, will man ihn lieber »einem jungen Publikum zur Diskussion stellen« (ebd.). Nur was soll dort eigentlich diskutiert werden? Wieviel Verständnis Jihadisten entgegen gebracht werden kann und wieviel Judenmord zulässig ist? Selbstmordanschläge zur Verhandlungssache zu erklären, statt sie ohne wenn und aber zu verurteilen, ist ein Skandal.

Und der Skandal geht weiter: denn trotz des Ortes der Filmhandlungen – Said und Kaled zog es mit ihren TNT-Hosenträgern gerade nach Tel Aviv – lässt die Theaterankündigung sogar jede Erwähnung des Staates vermissen, dessen Bürgerinnen und Bürger real und auf der Leinwand von Suicide Bombern bedroht sind. Israel wird aus dem Setting der Aufführung gestrichen und an seine Stelle in postmoderner Beliebigkeit ich, du und wir alle gesetzt. So betont das Junge Schauspielhaus, dass es sein Stück »an einem besonderen Spielort [inszeniert], wo die Geschichte der Attentäter – angesichts der allgegenwärtigen ’Terrorgefahr’ – letztlich auch enden könnte: in einer szenigen Location mitten in Europa.« Dadurch wird das wohlig-schaurige Imago evoziert, man würde sich im »hippen« Aqarium der »Hamburger Botschaft« der gleichen Gefahr aussetzen wie in einem Bus zwischen Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. Aber selbst wenn sich das Junge Schauspielhaus neben diesem gewiss gern erhaschten Effekt in Ansehung der jüngsten islamistischen Anschläge von London oder Madrid ernsthaft um eine Aktualisierung bzw. Erweiterung ihres Stoffes bemüht haben sollte, taumelt es zielsicher an jeder Analyse und notwendiger Positionierung vorbei. Wollte der Film »Paradise Now« schon vom Antizionismus und Antisemitismus nichts wissen, meidet das Schauspielhaus überdies noch jeden Gedanken an Antiamerikanismus und Islamismus wie der Teufel das Weihwasser. Was in der aufgemachten »verstörend[en] und faszinierend[en] […] Perspektive der Täter« um den Preis ihres Verlustes unterschlagen werden musste, ist die als Programm der Vernichtung ausagierte anti-aufklärerische Ideologie.[…]
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(Quelle: Cox&Forkum)

  • ‚Gruppe Kritikmaximierung Hamburg (km/h)‘ zur Inszenierung [link]
  • ‚Silke’s Blog‘ ausführlicher Artikel zur Inszenierung [link]
  • ‚Wind in the Wires‘ über das Stück [link]
  • Plastikstuhl ebenfalls [link]
  • Homepage der damaligen Kampagne »Paradise No!« [link]
  • Flugblatt der »Paradise No!«-Kampagne [pdf]
  • »Kunstsinn & Barbarei« Pressemappe zur Kritik an »Paradise Now« [pdf]
  • M.Küntzel zur »Paradise Now«-Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung [link]
  • Fortsetzung + erste Pressereaktionen auf das “Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter”

    Die aktuelle Debatte um die Beschäftigung von deutschen Soldaten in der Gedenkstätte Kz Neuengamme, sowie der pädagogischen Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der folgenden „quasi“-Kündigung eines freien Mitarbeiters, welcher als Reaktion auf das Verhalten der Gedenkstättenleitung eine Betreuung der Bundeswehr ablehnte, folgten nun weitere Reaktionen. Nach dem Artikel auf Hagalil und der Soldiaritätserklärung des Teams der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte folgte nun die erste Presseraktion und auch einer Erklärung der AG Neuengamme, der Interessensvertretung der Überlebenden und ihrer Angehörigen des Konzentrationslagers Neuengamme.

    Guide ist nicht gleich Guide

    Viele Bundeswehrsoldaten besuchen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Dass nun ein Bundeswehrangehöriger selbst Besucher herumführen soll, verärgert die dort wirkenden freien Museumspädagogen. Einem kündigte die Gedenkstätte nun.

    VON ANDREAS SPEIT

    Die eingeforderte Diskussion blieb bisher aus. Seit Monaten bereits möchten die dort tätigen freien Museumspädagogen mit der Leitung der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme sprechen: über die Beziehungen zur Bundeswehr im Allgemeinen. Und ganz konkret darüber, dass neuerdings ein Bundeswehr-Angehöriger dort als freier Führer für Besuchergruppen wirkt. Statt des erhofften Gesprächstermins folgte nun jedoch die Kündigung für einen langjährigen Museumspädagogen.

    „Der Anlass ist eine Protest-E-Mail von mir, in der ich die Instrumentalisierung des Gedenkens für militärischen Zwecke kritisiert habe“, sagt Olaf K. Führungen, die ein Bundeswehrangehöriger durchführe, mutmaßt K., dürften sich inhaltlich von anderen unterscheiden. Um seine Kritik zu unterstreichen, weigerte K. sich sogar demonstrativ, Bundeswehrgruppen über das Gelände zu führen. Diese stellen immerhin – nach Schulkindern – die zweitgrößte Gruppe unter den Besuchern. Die Antwort erhielt Olaf K. prompt per Post: Die Gedenkstättenleitung ließ ihn wissen, dass sie ab sofort auf seine freie Mitarbeit als Gedenkstättenpädagoge „verzichten“ werde. Denn sie müsse davon ausgehen können, dass die für sie tätigen Museumspädagogen jederzeit „für alle Gruppen zur Verfügung stehen“.

    Keine Stellungnahme erfolgte jedoch zu der Kritik K.s, der in den vergangen neun Jahren das Team der freien Guides mit aufbaute und unzählige Führungen ausrichtete – darunter für hunderte von Bundeswehrsoldaten. „Gesprächsangebote hat es gegeben“, sagt Detlef Garbe, der Leiter der Gedenkstätte. Ein Treffen sei aber nicht zustande gekommen, räumt er ein.

    Der nun so umstrittene Besucherführer hatte 2007 als Student der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr ein Praktikum in der KZ-Gedenkstätte gemacht. Das sei „sehr gut“ gelaufen, sagt Garbe, so dass es keine Bedenken gegeben habe, als er fragte, ob er nicht weiter mitwirken könnte. Beim Museumsdienst wurde der formal Angehörige der Bundeswehr, so Garbe, als Honorarkraft eingestellt – wie alle freien Guides. „Er hat keinen Auftrag der Bundeswehr“, sagt Grabe, und solle
    auch nicht nur für die Bundeswehr da sein. Anders als Olaf K. geht der Gedenkstättenleiter davon aus, dass der Betreffende sich bei den Führungen alleine an die Leitlinien der KZ-Gedenkstätte halten werde.

    „Unfassbar“, findet Fritz Bringmann, Ehrenpräsident der Gefangenenorganisation „Amicale Internationale KZ Neuengamme“, die Kündigung von Olaf K. und spricht gar von einem „Machtmissbrauch“. Die Gedenkstätte, so Bringmann, müsse dringend „gemeinsam mit dem Team der Gedenkstättenpädagogen und den Überlebendenverbänden über die Bedingungen der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr reden“. Bringmann, der selbst im KZ Sachsenhausen und Neuengamme inhaftiert war, ist entsetzt darüber, dass hier, an einem Ort der Vernichtung von mehr als 50.000 Menschen und des Leidens so vieler weiterer, ein Armeeangehöriger exponiert auftrete. „Ein Ort der Erinnerung“, sagt er, „darf kein Ort werden, an dem Bundeswehrsoldaten Führungen machen, für die der Gehorsam und der Einsatz politisch gewollter kriegerischer Mittel nicht in Frage steht.“ Seit der Befreiung sei „unsere Losung ,Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg‘. Das ist nicht aufgehoben.“ Die Häftlinge, sagt Bringmann, „waren Opfer des Krieges, da kann man doch jetzt nicht einfach Soldaten Führungen machen lassen“.

    Er sieht im aktuellen Streit die Fortsetzung eines älteren Konfliktes: Im Februar 2004 hatte die Gedenkstätte Neuengamme eine Veranstaltung „Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet – ,Leben mit dem Massengrab‘“ mit ausgerichtet. Dabei wurde in einem Filmbeitrag unter anderem gezeigt, wie die Soldaten verarbeiteten, was sie im Kosovo erlebt hatten. „Eine Bundeswehr-Therapiesitzung“, so Bringmann damals einigermaßen entsetzt. Nicht nur er beklagte, die Gedenkstätte werde dafür instrumentalisiert, Soldaten auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Die Leitung der
    Gedenkstätte räumte später ein, die Veranstaltung sei „ungeschickt“ gewesen. „Ich hoffte“, sagt Bringmann heute, „damit wäre das mit der Bundeswehr geklärt.“

    Seitdem schwelt vielmehr der Konflikt. Über die Problematik schweigt auch Detlef Garbe nicht: „Manche pädagogischen Mitarbeiter befürchten, dass die KZ-Gedenkstätte von der Bundeswehr zur Legitimation von militärischen weltweiten Einsätzen missbraucht werden“ – getreu der einst durch die rot-grüne Bundesregierung ausgegeben Maxime, gerade wegen Auschwitz habe Deutschland heute Kriege zu führen. „Diese Sorge“, so Garbe weiter, „teile ich, ehrlich gesagt, aber nicht.“ Derweil fragt sich Olaf K., ob die Leitung wirklich denkt, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand von der Bundeswehr-Universität Soldaten herumführt, oder ob das jemand anderes tut. Ein Gespräch soll jetzt übrigens zeitnah stattfinden.

    (Quelle: Taz)

    Erklärung

    Mit Bestürzung verfolgt die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme die Entwicklung des Verhältnisses von Bundeswehr und KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den letzten Jahren.

    Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass es sich bei der Bundeswehr vor allem um ein Instrument der Regierung handelt, mit dem Interessen- und Machtpolitik auch mit kriegerischen Mitteln umgesetzt wurden und zukünftig verstärkt umgesetzt werden. Angehörige der Bundeswehr erklären sich mit ihrem Eintritt in dieselbe genau damit einverstanden. Diese Tatsache ist unserer Ansicht nach mit den Zielsetzungen der Gedenkstättenarbeit nicht in Übereinstimmung zu bringen, denn eine Gedenkstätte sollte mithilfe der Vermittlung historischen Wissens Menschen
    behilflich sein, ein Bewusstsein für Respekt und Menschenwürde zu entwickeln und sie dazu ermutigen, kritisch und selbstständig Fragen zu Systemen staatlicher Unterdrückung und Diskriminierung zu stellen und sich mit der Geschichte und auch der unsäglichen Nachgeschichte von Neuengamme zu beschäftigen.

    Aktueller Anlass dieser Erklärung ist die Einstellung eines Bundeswehrsoldaten als freier museumspädagogischer Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Im Rahmen dieser Arbeit wird er als Repräsentant der Gedenkstätte auftreten und die Geschichte des Konzentrationslagers und der Häftlinge an Schulklassen aber auch an Bundewehrgruppen vermitteln.

    Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich in diesem Zusammenhang kürzlich entschieden, künftig auf die Mitarbeit eines langjährigen freien Mitarbeiters der Museumspädagogik zu verzichten. Grund für diesen drastischen Schritt war die Ankündigung des Pädagogen, nicht mehr als Guide für Bundeswehrgruppen zur Verfügung zu stehen, solange die Gedenkstätte nicht endlich bereit sei bzw. die Notwendigkeit erkenne, gemeinsam mit dem Team der freien Gedenkstättenpädagog/innen und
    den Überlebendenverbänden Fragen hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der Einstellung eines aktiven Bundeswehrsoldaten als freien Museumspädagogen zu diskutieren, wie diese es seit längerem fordern.

    Ist diese Entlassung ein Versuch seitens der KZ-Gedenkstätte, einer notwendigen inhaltlichen Diskussion um Leitbilder und politische Fragen zu entgehen? Wenn ja, aus welchem Grunde sollen mit engagierten, dort seit langem tätigen freien Mitarbeiter/innen keine inhaltlichen Diskussionen geführt werden?

    Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme (AGN) als Interessensvertretung der Überlebenden und ihrer Angehörigen des Konzentrationslagers Neuengamme, sieht sich aus verschiedenen Gründen veranlasst, in dieser Angelegenheit zu intervenieren, auch, um das bislang positive Verhältnis von AGN und Gedenkstätte weiterhin zu gewährleisten.

    Der Ort der Vernichtung von mehr als 50.000 Menschen und des Leidens so vieler anderer ist ein Ort der Erinnerung, des würdevollen Gedenkens und der Information. Er darf kein Ort werden, an dem ein deutscher Armeeangehöriger exponiert auftritt, für den die Richtlinien des Gehorsams und der Einsatz kriegerischer Mittel, die politisch gewollt von der Bundesrepublik Deutschland ausgehen, nicht in Frage stehen. Ebenso muss die Möglichkeit ausgeschlossen werden, dass Überlebenden oder ihren Angehörigen als BesucherInnen der Gedenkstätte ein deutscher Soldat als Guide gegenübersteht, auch wenn er dort nicht in Uniform erscheint.

    Es geht der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme nicht darum, Angehörigen der Bundeswehr die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu verweigern. Diese ist unbedingt notwendig, unterstützenswert und sollte Aufgabe der politischen Bildung seitens der Bundeswehr als Organ eines sich als demokratisch gebenden Staates sein. Noch aber werden Gedenkstättenbesuche leider häufig dazu genutzt, Bundeswehrsoldat/innen auf Auslandseinsätze mit Kriegsverlauf vorzubereiten. Solange sich zudem Angehörige der Bundeswehr offiziell an Ehrenund Gedenkzeremonien für NS-Kriegsverbrecher in Mittenwald, am Ulrichsberg, auf Kreta, in Italien, Spanien, Frankreich und vor unzähligen Kriegs-Denkmälern in der BRD beteiligen, sind die Traditionslinien von nationalsozialistischer Wehrmacht und Bundeswehr keinesfalls durchbrochen. Die AGN sieht angesichts der Geschehnisse in Neuengamme die Umsetzung der Losung „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ eklatant in Frage gestellt.

    Wir verurteilen zudem die Kündigung des freien Gedenkstättenpädagogen als einen Akt der Repression gegenüber einer Person mit einem unbequemen antifaschistischen Selbstverständnis, das allerdings unabdingbar ist für die pädagogische Arbeit in Gedenkstätten für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Auch und gerade an einem solchen Ort ist die politische Diskussion und die Auseinandersetzung über Richtungen und Inhalte von Gedenkstättenarbeit unumgänglich.

    Hamburg, den 6.6.2008
    Für den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme
    Bert Wahls (bertwahls@t-online.de)

    KZ-Gedenkstätte Neuengamme „Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter“

    Mai 2008

    KZ-Gedenkstätte Neuengamme:

    Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter

    Solidaritätserklärung des Teams der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

    Seit Oktober 1981 besuchten über 1 Millionen Menschen das Gelände und die Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Die weitaus meisten von ihnen waren und sind Schulklassen, die von gut ausgebildeten und engagiert tätigen Menschen pädagogisch betreut werden. Mit den 1995 und zuletzt 2005 neu eingerichteten Ausstellungen zur Geschichte des KZ Neuengamme und seiner Nachgeschichte und nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen pädagogischen Arbeit stieg die Zahl der Besucher/innengruppen kontinuierlich an.

    Den Erfordernissen einer pädagogischen Betreuung insbesondere der Schulklassen wird seit nun schon über zehn Jahren ein Team von Museumspädagog/innen gerecht, die in freier Mitarbeit historische Hintergründe, die Geschichte des Ortes und der Häftlinge vermitteln. Das Team der Freien in Neuengamme setzt sich dabei aus unterschiedlichen Menschen zusammen, wodurch eine abwechslungsreiche, spannende und intensive politische Bildungsarbeit ermöglicht wird, die zur Entwicklung demokratischer Werte wie Respekt, Autonomie und Solidarität beiträgt und damit die Freiheit des Denkens, der Meinung und der Rede stützt.

    Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich nun dafür entschieden, auch einen Berufssoldaten der Bundeswehr als freien Museumspädagogen zu beschäftigen. Das Team der freien Museumspädagog/innen hält dies für bedenklich und äußerte daher mehrfach den Wunsch, diese Entscheidung unter Einbeziehung des internationalen Häftlingsverbandes Amicale Internationale KZ Neuengamme und der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V. mit den Verantwortlichen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu diskutieren. Dieser Wunsch wurde bislang stets zurückgewiesen.

    Als Reaktion auf die monatelange Verweigerung einer Diskussion über die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und den Einsatz eines Soldaten in der Museumspädagogik, und aufgrund der Weigerung der Gedenkstätte, die Verbände der ehemaligen Häftlinge und ihrer Angehörigen an einer solchen Diskussion zu beteiligen, lehnte es nun einer der freien Mitarbeiter vorerst ab, weiterhin selbst Bundeswehrgruppen pädagogisch zu betreuen. Diese zeitweise Ablehnung des seit neun Jahren überaus erfolgreich für die KZ-Gedenkstätte tätigen Pädagogen, der sich außerordentlich großer Wertschätzung seitens der die Gedenkstätte besuchenden Schulklassen und Lehrkräfte erfreut, beantwortete die Gedenkstättenleitung mit dem Verzicht auf die weitere Mitarbeit . Es wurde die sofortige Sperrung des Kollegen beim für die Vermittlung von Führungen zuständigen Hamburger Museumsdienst veranlasst. Das kommt einem Maulkorb für freie Mitarbeiter/innen gleich und bedeutet eine empfindliche Beschädigung der Möglichkeit zur politischen

    Auseinandersetzung an einem Ort, an dem die Notwendigkeit, kritische Fragen zu stellen, größer nicht sein könnte.

    Wir solidarisieren uns mit unserem Kollegen, fordern von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme die sofortige Aufhebung seiner Sperrung sowie die Einbindung der Häftlingsverbände in notwendig zu führende Gespräche über die Gedenkpolitik und den Einsatz eines aktiven Soldaten als freiberuflichen Museumspädagogen und Repräsentanten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

    Auf erste Proteste des Teams der freien Museumspädagog/innen ist von den Verantwortlichen der KZ-Gedenkstätte für den 11. Juni ein Gesprächstermin anberaumt worden. Nach diesem Gespräch wird klar sein, welchen Weg die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hinsichtlich ihres politischen Bildungsauftrages und mit ihrer pädagogischen Arbeit künftig gehen wird und welche Art des Umgangs mit den Häftlingsverbänden und mit kritischen und engagierten Mitarbeiter/innen sich dort etablieren wird.

    Das Team der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte

    via Bad Weather Hamburg