Archiv für August 2008

Irgendwie Sommerloch

Irgendwie hat das Sommerloch auch hier mehr oder weniger eingeschlagen. Fast ein ganzer Monat ist seit dem letzten Beitrag vergangen. Also kurzum wird hiermit auch eine gewisse Sommerpause für diesen Blog verhängt.
Aber ganz ohne ein paar Gimmicks für den Sommer soll dann doch nicht Ruhe verordnet werden…

Neue Rechte und ein Disziplinarverfahren wegen Kritik an der Beschäftigung eines Ex-NSDAP-Mitglieds

Das FSK führte mit Clemens Heni ein Interview zu dem Disziplinarverfahren, welches gegen dessen Kollegen Professor Heinz Gess von der Rektorin der Fachhochschule Bielefeld, Professor Dr. Beate Rennen-Allhoff geführt wird. Diese strängt ein Verfahren an, um die Beschäftigung mit der Geschichte von ehemaligen NSDAP-Mitglieder und Mitgliedern der Neuen Rechten sowie deren Wirkung in der BRD zu unterbinden.
Im Folgenden ist die Solidaritätserklärung, um deren Verbreitung gebeten wird, sowie ein Interview welches das FSK mit Clemens Heni am 4. August führte, dokumentiert.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,
Wir wenden uns an Euch mit der Bitte um Hilfe und Solidarität wegen eines Disziplinarverfahrens, das die Rektorin der Fachhochschule Bielefeld, Professor Dr. Beate Rennen-Allhoff, Anfang Juni gegen Professor Heinz Gess eingeleitet hat. Vorgeworfen wird Gess, seine Pflichten als Beamter verletzt zu haben. Er habe dem Ansehen der Behörde geschadet und insbesondere gegen die Verschwiegenheitspflicht verstoßen.
Es geht um einen Artikel, den wir beide verfasst haben, und den Heinz Gess auf der von ihm betrieben Homepage kritiknetz.de unter dem Titel „Grün-braune Liebe zur Natur: Die NSDAP als ‚grüne Partei‘ und die Lücken der Naturschutzforschung“ veröffentlicht hat.
Das Disziplinarverfahren bezieht sich auf eine Nachbemerkung von Gess.
Er verweist darin auf die Tatsache, dass Werner Haverbeck (1909-1999) ab 1972 mehrere Jahre lang an der FH Bielefeld als Professor für Sozialwissenschaft wirken konnte. Haverbeck war Mitglied der NSDAP-Reichsleitung, des NS-Studentenbundes und der SA sowie Leiter des NS-Reichsbundes für Volkstum und Heimat. In der Bundesrepublik war Haverbeck von 1974 bis 1982 Präsident des rechtslastigen Umweltverbandes „Weltbund zum Schutz des Lebens“ und Mitunterzeichner des so genannten Heidelberger Manifestes von 1981, in dem die Forderung „Ausländer raus“ pseudoökologisch verbrämt erhoben wurde. Haverbeck war Mitbegründer des so genannten Collegium Humanum in Vlotho in Niedersachsen, einer rechtsextremen Tagungsstätte, wo sich unter anderem 1984 das „Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Führers“ (KAH) traf.
Die Einleitung des Disziplinarverfahrens begründet Rektorin Rennen-Allhoff mit folgender Passage des Textes von Gess:
„Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass der Werner Haverbeck an der FH Bielefeld ungeachtet seiner Nazi-Karriere und neofaschistischen Aktivitäten ungestört seinen ideologischen und politischen Geschäften nachgehen und seine verdorbenen Früchte als ‚Professor für Sozialwissenschaft‘ unter die Studierenden bringen konnte, ohne je dafür an der FH in die Kritik zu geraten und ohne dass das Rektorat der FH es je für nötig gehalten hätte; sich von seinem Tun oder seinen Schriften zu distanzieren, dass aber dasselbe Rektorat (nicht in persona) und dessen Personalabteilungsleiter es für dringlich hält, sich von dem Herausgeber dieser Seite und der ‚Internetzeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft‘, das Kritiknetz, ausdrücklich zu distanzieren.“
Gess habe seine Dienstpflichten verletzt, weil er damit Maßnahmen der Verwaltung öffentlich kritisiert habe, urteilt die FH-Rektorin.
Wir halten es für einen Skandal, dass jemand mit einem Disziplinarverfahren überzogen werden soll, der darauf hinweist, dass ein ehemaliger hochrangiger NSDAP-Funktionär und in der Bundesrepublik prominenter Nazi-Aktivist an der FH Bielefeld Karriere machen konnte. Damit soll ein Wissenschaftler mundtot gemacht werden, der einen solchen Vorgang öffentlich benennt. Verschwiegenheitspflicht kann nicht heißen, die Einstellung eines alten Nazis zu vertuschen und das nach über 30 Jahren. Pikant ist, dass einen Monat zuvor, Anfang Mai 2008, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das von Haverbeck gegründete Collegium Humanum wegen rechtsextremer Umtriebe verboten hat.
Wir fordern die sofortige Einstellung des Disziplinarverfahrens gegen Heinz Gess und eine Entschuldigung der Rektorin. Wir fordern, die einschlägigen Archive zu öffnen und von unabhängigen Historikern klären zu lassen, wie es möglich war, dass Haverbeck an der FH Bielefeld Dozent werden konnte. Wir verlangen – sofern aufgrund des zeitlichen Abstandes noch möglich – diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Haverbeck gedeckt und seine Karriere ermöglicht haben.
Wir bitten Euch, diesen Vorgang publik zu machen, dieses Schreiben weiterzuverbreiten, sowie beim Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen gegen das Disziplinarverfahren gegen Heinz Gess zu protestieren. Wir haben dafür einen Musterbrief verfasst, den Ihr benutzen könnt. Solltet Ihr einen solchen Brief schicken, bitte gebt uns Rückmeldung.
Die Journalisten unter Euch bitten wir, über diesen Vorfall in ihren Medien zu berichten.
Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Heni und Peter Bierl, Berlin, 3. August 2008

Kontakt
Clemens Heni clemens_heni@web.de
Peter Bierl peterbierl@gmx.de

Interview

Dauer: 22:14 min
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Außerdem führte das FSK mit Clemens Heni ein ca. 1stündiges Interview zu dessen Buch „“Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ ›Nationale Identität‹, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel“ und der Entwicklung des deutschen Nationalismus. Verwiesen sei an dieser außerdem auf den Essay Henis „Das nationale Apriori – Wie aus der BRD endgültig ‚Deutschland‘ wurde“, welcher auf hagalil.com erschien.

Teleofongespräch mit Clemens Heni, Autor von „Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ ›Nationale Identität‹, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel (Aus der Verlagsankündigung):
Eine unheilige Allianz aus völkischen Rechten und antiimperialistischen, sich links glaubenden Positionen macht überholt geglaubte nationalistische Denkmuster in Deutschland derzeit wieder salonfähig. Henning Eichberg steht als Symbolfigur für diese Entwicklung. Seit den späten 1960er Jahren ist er Wortführer der Neuen Rechten, mit antiamerikanischen Ressentiments suchte er aber in den 1980er Jahren auch eine Annäherung an die noch jungen Grünen. Er liebäugelt zudem mit der PDS. Clemens Heni untersucht in diesem Buch anschaulich Eichbergs gegenintellektuellen Werdegang und zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus Wissenschaft und Publizistik die Entwicklungslinien der Salonfähigkeit neu-rechter Ideologeme in der politischen Kultur der BRD auf.

Teil 1

Dauer: 27:14 min
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Teil 2

Dauer: 24:15 min
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