Wir, du, ich und eh alle gegen Gentrification… oder nicht?

Am Wochenende ist mal wieder großes Demonstrieren in Hamburg angesagt. Wogegen? Gegen die ganze böse Gentrification. Daher mal ein paar Worte zu dem Aufruf zu der Demonstration.

Erstmal ein Punkt vorweg: Wer auch immer den Aufruf geschrieben hat ist unfähig. Völliges Fehlen von Struktur, kaum nachvollziehbare Argumentation und üblicher Szenesprech sorgen dafür, dass jeder Mensch, der nicht eh gegen die Gentrification ist, den Zettel nach 1 Minute in die Ecke schmeissen wird.

Worum es bei der sogenannten Gentrification geht bleibt bei seinen Gegnern immer mysthischen. Es wissen doch eh alle was gemeint ist und das jeder irgendwas beliebiges unter das Label fasst scheint auch wirklich niemand zu stören. So verwundert es kaum, dass der Abschnitt im Aufruf mit dem Titel „GENTRI… WAS?“ neben der Einleitung der kürzeste Part bleibt. Kurz und bündig fasst man dort:

Heute ist der Begriff Gentrification oder Gentrifizierung nicht nur in der Stadtforschung zu Hause, sondern auch in Kämpfen um städtische Freiräume oder bei Mieter_innenprotesten. Ausgelöst wird Gentrifizierung durch gesteigerte private und öffentliche Investitions- und Modernisierungs-tätigkeiten. Mieter_innen, die sich die erhöhten Mieten nicht mehr leisten können oder wollen, verlassen das Viertel. Je attraktiver dieses wird, desto mehr nehmen auch Versuche zu, Alt-mieter_innen zu vertreiben. Vermieter_innen wollen entweder durch Luxusmodernisierung und Neuvermietung Topmieten erzielen oder durch die Umwandlung von Miet- in Eigentums-wohnungen Traumrenditen realisieren. Auch in Hamburg als Deutschlands Stadt der Millionäre profitieren diese unmittelbar (als Hauseigentümer) oder mittelbar (über Immobilienfonds) von der Umstrukturierung der inneren Stadt.

Für Kleingewerbetreibende sind die gestiegenen Mieten ebenfalls nicht mehr tragbar. Modische Klamottenläden und immer mehr Gastronomie werden schließlich ergänzt durch Filialen der Konsumketten, bis sich der Stadtteil kaum noch von einer x-beliebigen Fußgängerzone unterscheidet. Weichen müssen dafür Geschäfte, in denen die Bewohner_innen Sachen für ihren Alltagsbedarf kaufen konnten und teilweise auch selbst gearbeitet haben.

Der Skandal für die Gegner der Gentri… ist der, dass, in einer kapitalistischen Gesellschaft, Menschen durch ihren Wohnungs- und Grundstücksbesitz Gewinn machen und auch noch an einer Gewinnsteigerung interessiert sind. Das man anscheind nicht ein bischen die Funktionsweise des Kapitalismus verstanden hat bricht sich in aller Form bar. Primär geht es um das Erheischen von Empathie durch die Darstellung fieser Vorgänge die irgendwo Menschen vertreiben oder ihnen die Möglichkeit den Alltagsbedarf zu erstehen nehmen würden. Fraglos mögen einige der Phänomene zutreffen nur bleibt dabei beispilsweise total offen ob denn die Vermieter „damals“ in der Schanze und Sankt Pauli und eh überall denn viel netter und weniger Profit orientiert waren. Haben sie etwa aus purer Gutmütigkeit ihre Wohnungen vermietet? Vermutlich kann die Frage nur mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden. Und der Alltagsbedarf, welcher anscheind auch rein gar nichts mit der Herstellung von Bedürfnissen in einer durch-kapitalisierten Gesellschaft zu tuen hat, scheint auch völlig frei von Kapitalismus, Ausbeutung und Konsum zu sein. Konsum, im negativen Sinne der Stadtteil-Helden, ist halt nur dann gegeben wenn die anderen, die Fremden des Stadtteils ihren Bedarf ausleben.

Auch wenn man erfreuliche Aktionen von Anwohnern, welche den sinnvollen Rechtsrahmen, der immerhin im geringen Maße besteht, nutzen aufzählt, wird leider auch deutlich wessen Geistes man sonst so ist. Begeistert ist man davon, dass

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Symbole dieser Entwicklung, wie zum Beispiel neue Läden und neugebaute Eigentumswohnblocks im Schanzenviertel, Objekte spontaner Umgestaltung der Schaufensterscheiben und Fassaden werden.

Will heißen, es scheint unglaublich toll, links und progressiv zu sein Parolen gegen die bösen Yuppies an Wände zu hauen, in denen man dann noch progressiver mit dem Abbrennen von PKWs droht. Mindestens so radikal wie Scheiben von Läden einzuwerfen die in das Bild neu, hipp, teurer und nicht-links passen.

Ansonst bleibt der Text ein großer Appell an den Lieben Vater-Staat. Man fordert Rechte ein (was ja gar nicht abzulehnen ist) und appelliert und kritisiert den Staat für das was er Schlechtes tut und was er doch viel besser machen könnte. Muss er doch nur mal mit den Polit-Profis der Hamburger Linken reden!
Nur als Klarstellung, da sicherlich wieder einige angefressen sind, dass schon wieder was an ihrer heilen Welt kritisiert wird: Ich finde es super, dass Menschen um ihre Rechte kämpfen und versuchen den (meist geringen) Rahmen an Mitbestimmung an ihrem Lebensraum mitzugestalten. Aber es ist eben jenes, die brave Beteiligung an der Politik, das Agitieren als guter Bürger, der sich aktiv um seine Nachbarschaft kümmert. Widerlich und falsch bleibt dabei jedoch die vermeintliche Kapitalismus-Kritik, die gespielte Radikalität und die Abgrüde aufreissenden Ausbrüche der Stadtteil-Gangs gegen die „bösen Yuppies“, den „Kaffee-Strich“, die bösen neuen Geschäfte und eh das ganze Fremde was in die Stadtteile eindringt.
Ebenso bleibt wie immer auch außen vor, dass die ganzen bösen Fremden, konsumgeilen Menschen die da in die Stadtteile einfallen eben auch deshalb kommen, weil diese Stadtteile als hip sowie schick gelten und gerade im Hamburger Schanzenviertel auch als links, alternativ und irgendwie anders. Die eigene Position zu reflektierten bleibt halt immer noch etwas schwieriges, was man lieber ganz sein lässt, wenn sich dann nur wieder mehr Widersprüche auftuen würden.
Um das ganze Handfest zu machen sei der letzte Part des Aufrufs zitiert:

Recht auf Wohnen, Recht auf Aneignung, auf Orte der Leidenschaft, Ruhe, auf dem Dach tanzen, in der Elbe schwimmen, auf Austausch und und und… Das kann nur gelingen, wenn wir uns gemeinsam gegen diejenigen wenden, die von der Verarmung, Verdrängung und Unterdrückung profitieren – damit wir morgen wieder sagen können: Stadtluft macht frei!
Stadt für alle und zwar sofort!

Warum auch immer Stadtluft frei machen soll, von wem man sich da frei machen will und wie, dazu will ich einfach kein Wort verlieren. Das Bedürfnis jedoch „gemeinsam gegen diejenigen“ vorzugehen die „profitieren“ spiegelt das Fehlen jeglichen Begriffs der kapitalistischen Gesellschaft wieder und greift genau dort wieder an wo man glaubt konkret einen Gegner fassen zu können. Die vermeintlichen Übeltäter, welche von der Gesellschaft profitieren, anscheind keinem gesellschaftlichen Zwang unterworfen sind und sich primär durch negative Eigenschaften auszeichnen. Das eben der Kapitalist, der Wohnungsbesitzer und so weiter eben einer gesellschaftlichen Logik unterworfen sind, die da heißt: steigere deinen Profit, sonst wirst du von den Konkurrent hinweggefegt – dies will und können jene die diesen Aufruf geschrieben haben und jene die ihn unterstützen nicht verstehen.
Als abschließende rein rhetorische Frage: Ist denn der Yuppie in der Schanze nicht auch Teil der Stadt, darf er nicht teilhaben?

Ps: Es sei nur noch kurz erwähnt, dass die Parallelisierung von Vertreibung von Mietern, welche sich höhere Mieten nicht leisten können, mit verdrängten, diskriminierten und größtenteils von der Gesellschaft völlig ausgeschlossenen Asylbewerbern einfach nur eins ist: widerlich. So viel Moral muss manchmal neben der reinen Gegenstandsbestimmung sein.


5 Antworten auf “Wir, du, ich und eh alle gegen Gentrification… oder nicht?”


  1. 1 HeroHoxha 12. Juni 2009 um 16:37 Uhr
  2. 2 Neu 14. Juni 2009 um 13:25 Uhr

    Du hast dich doch schon längst eingerichtet, mein Lieber! Alles was du willst, ist deine Ruhe in deinem eigenen Stylerleben, das du mit ein bisschen Politik anstreichst.
    Und welchen „Kapitalismusbegriff“ hast du? Einen Reaktionären. Man muss nur warten, bis das Kapital alles heile macht und das kommt von selbst. Das ist ganz besonders schlau und hat vielleicht was mit Zirkulationsmarxismus á la Heinrich, Breuer, Phase zwo und den Kindern der Jungle World zu tun, aber nicht mit Marx. Geh‘ zurück in deine Kirche und mach‘ deinen Heiligen Krieg mit deiner Sekte.

  3. 3 Administrator 14. Juni 2009 um 23:54 Uhr

    danke für das beste kommentar seit langem! ^^

  4. 4 cosmojl 15. Juni 2009 um 1:05 Uhr

    igitt ganz am ende steht gegenstand

  5. 5 loverboy 666 16. Juni 2009 um 14:30 Uhr

    darf ich in deiner sekte mitmachen? :)

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