Deutsche Judenmord-Fans

Im September 2005 kam der Film „Paradise Now“ in Deutschland in die Kinos. Der Film des israelisch-arabischen Regisseurs Hany Abu-Assad, auf den Internationalen Filmfestspielen in Berlin wurde er dreifach ausgezeichnet und erhielt den Preis für den besten europäischen Film, den Publikumspreis sowie den Amnesty International-Filmpreis, wurde damals auf Grund seiner Darstellung von Selbstmordattentaten kritisiert. Diese werden im Film als verzweifelter Widerstand gegen einen übermächtigen Feind dargestellt, welche in letzter Konsequenz als moralisch legitimierten Erlösungsakte gelten sollen. Jüdischen Opfer bleiben wie Antisemitismus unsichtbar.

Nun wäre man nicht in Deutschland wenn nicht jemand wie Konradin Kunze auf die ‚kontroverse‘ Idee kommen würde, diesen Film als Theaterstück für das Junges Schauspielhaus in Hamburg zu inszenieren. Gerade das Adjektiv ‚kontrovers‘ verschafft den Kulturproduzenten der Theaterlandschaft ein begeistertes Glühen in die Augen. Das diese Kontroversität in diesem Fall die Rechtfertigung, Pathologisierung und Begeisterung von und für antisemitische Selbstmordattentäter ist interssiert diese kaum. Die Gruppe Kritikmaximierung Hamburg (km/h) konstatiert treffend zum Theaterstück:

Statt verständelnder Verzweiflungsrhetorik wäre eine Kritik des Vernichtungswahns der Selbstmordattentäter und Ihres ideologischen Fundaments notwendig gewesen. In Zeiten aber, in denen der Kulturbetrieb das gesellschaftliche Unbewußte reproduziert statt zu pointieren und zu kritisieren, ist vom Theater nichts anderes zu erwarten als die Witterung der Gefahr im allgemeinen Konsens und Konformität auf jeder Ebene: Aus Tätern werden Opfer gemacht.

Im Folgenden sei ein Ausschnitt des Flyers dokumentiert:

[…]Anlässlich seines 60. Geburtstags, an dem Israel mit einem erleichterten Seufzer den erstrittenen und verteidigten Fakt seiner Existenz als Gemeinwesen feiert, schickt ein deutsches Theaterensemble keine Glückwünsche, sondern inszeniert wider besseren Wissens eine Selbstmordattentäter-Apologie. Den »politisch kontrovers diskutierten Film ’Paradise Now’« (Zitat aus der Ankündigung des Stückes) mag das Schauspielhaus Hamburg bereits wegen des Attributs »kontrovers« als Werbeslogan. Statt nun aus den, anlässlich des cineastischen Auswurfs vorgebrachten guten Gründen die Finger von diesem Stoff zu lassen, will man ihn lieber »einem jungen Publikum zur Diskussion stellen« (ebd.). Nur was soll dort eigentlich diskutiert werden? Wieviel Verständnis Jihadisten entgegen gebracht werden kann und wieviel Judenmord zulässig ist? Selbstmordanschläge zur Verhandlungssache zu erklären, statt sie ohne wenn und aber zu verurteilen, ist ein Skandal.

Und der Skandal geht weiter: denn trotz des Ortes der Filmhandlungen – Said und Kaled zog es mit ihren TNT-Hosenträgern gerade nach Tel Aviv – lässt die Theaterankündigung sogar jede Erwähnung des Staates vermissen, dessen Bürgerinnen und Bürger real und auf der Leinwand von Suicide Bombern bedroht sind. Israel wird aus dem Setting der Aufführung gestrichen und an seine Stelle in postmoderner Beliebigkeit ich, du und wir alle gesetzt. So betont das Junge Schauspielhaus, dass es sein Stück »an einem besonderen Spielort [inszeniert], wo die Geschichte der Attentäter – angesichts der allgegenwärtigen ’Terrorgefahr’ – letztlich auch enden könnte: in einer szenigen Location mitten in Europa.« Dadurch wird das wohlig-schaurige Imago evoziert, man würde sich im »hippen« Aqarium der »Hamburger Botschaft« der gleichen Gefahr aussetzen wie in einem Bus zwischen Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. Aber selbst wenn sich das Junge Schauspielhaus neben diesem gewiss gern erhaschten Effekt in Ansehung der jüngsten islamistischen Anschläge von London oder Madrid ernsthaft um eine Aktualisierung bzw. Erweiterung ihres Stoffes bemüht haben sollte, taumelt es zielsicher an jeder Analyse und notwendiger Positionierung vorbei. Wollte der Film »Paradise Now« schon vom Antizionismus und Antisemitismus nichts wissen, meidet das Schauspielhaus überdies noch jeden Gedanken an Antiamerikanismus und Islamismus wie der Teufel das Weihwasser. Was in der aufgemachten »verstörend[en] und faszinierend[en] […] Perspektive der Täter« um den Preis ihres Verlustes unterschlagen werden musste, ist die als Programm der Vernichtung ausagierte anti-aufklärerische Ideologie.[…]
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(Quelle: Cox&Forkum)

  • ‚Gruppe Kritikmaximierung Hamburg (km/h)‘ zur Inszenierung [link]
  • ‚Silke’s Blog‘ ausführlicher Artikel zur Inszenierung [link]
  • ‚Wind in the Wires‘ über das Stück [link]
  • Plastikstuhl ebenfalls [link]
  • Homepage der damaligen Kampagne »Paradise No!« [link]
  • Flugblatt der »Paradise No!«-Kampagne [pdf]
  • »Kunstsinn & Barbarei« Pressemappe zur Kritik an »Paradise Now« [pdf]
  • M.Küntzel zur »Paradise Now«-Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung [link]

  • 1 Antwort auf “Deutsche Judenmord-Fans”


    1. 1 Überischt. « hate work. love communism. Pingback am 10. Juni 2008 um 15:04 Uhr
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